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Sohlenblutungen umschrieben und diffus, Steingalle (Sohlenblutung an der typischen Stelle unter dem Tub. flexorium)
Foto: Andrea Fiedler
Sohlenblutungen umschrieben und diffus, Steingalle (Sohlenblutung an der typischen Stelle unter dem Tub. flexorium)

Claw Condition Score

Ein Frühwarnsystem für Klauenerkrankungen

Eine sonographische Untersuchung der Klaue könnte dabei helfen, Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und präventiv zu managen.

Ein mobiles Ultraschallgerät haben inzwischen viele Rinderpraktiker und einige größere Betriebe. Doch meist wird die Sonografie nur für Trächtigkeitsuntersuchungen verwendet. „Diese Geräte werden viel zu wenig genutzt, das ist eigentlich traurig“, bedauert Dr. Andrea Fiedler von der Praxis für Klauengesundheit München. Im Projekt „Claw Condition Score“ untersuchen sie und ihre Kooperationspartner von der Klinik für Rinder an der TiHo und dem Lehrstuhl für Anatomie an der Tierärztlichen Fakultät der LMU München, ob sich die Ultraschallgeräte auch zur Früherkennung von Klauenerkrankungen eignen. Das dreijährige Projekt wird vom Landwirtschaftlichen Bildungszentrum (LBZ) Echem koordiniert und im Rahmen der Europäischen Innovationspartnerschaft (EIP) gefördert.

Klauenerkrankungen sind ein zentrales, tierschutzrelevantes Problem in Milchviehherden. Betroffene Kühe haben Schmerzen und dadurch Stress, der wiederum zu Verhaltensänderungen führt. Reduziertes Fressen und Trinken sowie vermehrtes Liegen können weitere Gesundheitsprobleme nach sich ziehen. Frühzeitige Abgänge, langfristige Leistungseinbußen und hohe Tierarztkosten führen zu erheblichen wirtschaftlichen Schäden.

Landwirte, Klauenpfleger und Tierärzte erkennen betroffene Tiere bisher erst, wenn sie bereits lahmen. Prävention auf Einzeltierebene ist daher kaum möglich. Fiedler und Kollegen hoffen, dass die Entwicklung des Fettpolsters der Klaue, das sich im Ultraschall erkennen und vermessen lässt, Tierärzten und Landwirten Hinweise auf zukünftige Klauenerkrankungen geben kann. Ein solches Frühwarnsystem würde ein Eingreifen des Managements ermöglichen, bevor sich die Klauenerkrankung überhaupt manifestiert.

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Regelmäßige Pflege und Untersuchung der Klauen

Im Rahmen des Projektes werden 80 Kühe aus Thüringen und Niedersachsen zu festgelegten Zeitpunkten innerhalb der ersten drei Laktationen untersucht (jeweils 7, 56 und 142 Tage post partum). Die Auswertung der Daten soll am Ende nicht nur klären, ob Ultraschalluntersuchungen der Klaue als Frühwarnsystem dienen können, sondern auch mögliche Zusammenhänge zwischen dem Umfang des Fettpolsters der Klaue und der Körperkondition beziehungsweise Stoffwechselstörungen aufdecken.

Bestandteil jeder Untersuchung ist eine funktionelle Klauenpflege. Anschließend werden erfasst:

  • Body Condition Score
  • Körpergewicht
  • Lahmheits-Score
  • Blutuntersuchung
  • Ultraschallmessung der Rückenfettdicke
  • Ultraschallmessung des Fettpolsters der Klaue (rechts hinten lateral und rechts vorne medial)

Die Dicke des Fettpolsters ist definiert als die Strecke zwischen dem höchsten Punkt des knöchernen Tuberculum flexorium und der inneren Oberfläche des Hornschuhs, die sich beide im Ultraschall gut darstellen lassen. Lederhaut und Bindegewebe werden der Einfachheit halber mitgemessen, sodass eine Differenzierung der einzelnen Schichten, die mit einem einfachen Ultraschallgerät nicht möglich wäre, gar nicht nötig ist. Zusätzlich wird auch die Länge des Fettpolsters erfasst.

Verwendet werden sowohl ein gutes, hochauflösendes Ultraschallgerät als auch ein verhältnismäßig günstiges. Ein Kernpunkt des Projektes ist es, zu klären, ob mit den Geräten, die in der Praxis bereits verbreitet sind, ebenso Vorhersagen zur Klauengesundheit möglich sind wie mit hochpreisigen Modellen.

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Ultraschallbild der rechten Hinterklaue einer Kuh in der ersten Laktation, (Linarschallkopf, 7,5 Mhz).
Foto: Andrea Fiedler
Ultraschallbild der rechten Hinterklaue einer Kuh in der ersten Laktation, (Linarschallkopf, 7,5 Mhz).

Das Fettpolster in der Klaue verändert sich

Bereits jetzt zeichnet sich ab: Eine Visualisierung und Vermessung des Fettpolsters der Klaue mit mobilen Ultraschallgeräten sind grundsätzlich möglich.

Erste Zwischenergebnisse des Projekts bestätigen vorhergehende Studien und zeigen, dass sich das Fettpolster der Klaue im Laufe der Laktation verändert. „Ob das aber Einfluss auf die Klauengesundheit hat und ob man Vorhersagen treffen kann, das wissen wir noch nicht“, erklärt Andrea Fiedler.

Die Struktur des Fettpolsters ändert sich hormonell bedingt zum Zeitpunkt der Geburt. Kurz vor der Kalbung ist das Polster daher am dicksten; zwischen einer und acht Wochen nach der Kalbung ist es am dünnsten und instabilsten. Fiedler berichtet, dass bei den untersuchten Kühen in dieser Zeit nach der Geburt häufig Einblutungen in der Sohle unter dem Beugeknochen festgestellt wurden. Im Rahmen der funktionellen Klauenpflege wurde dann eine Kehlung geschnitten und das Problem war später nicht mehr feststellbar. Statistisch gesichert ist dieser Zusammenhang noch nicht. „Aber das ist ein kritischer Zeitpunkt“, meint die Tierärztin. „Klauenpflege ist zu diesem Punkt in der Laktation sicher sinnvoll.“

Ein Zusammenhang zwischen einem besonders dünnen Fettpolster irgendwann in der Laktation und einer Klauenerkrankung zeichnet sich ab, ist aber noch nicht statistisch bestätigt. Ebenso scheint es einen Zusammenhang zwischen dem Umfang des Klauen-Fettpolsters sowie dem Body Condition Score und der Rückenfettdicke zu geben.

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Messung der Rückenfettdicke mit dem Ultraschallgerät.
Foto: Andrea Fiedler
Messung der Rückenfettdicke mit dem Ultraschallgerät.

Klauen im Hitzestress: Zufallsbefund Wassermangel

Die regelmäßigen Untersuchungen im Rahmen des Projekts ergaben auch abseits der eigentlichen Fragestellung bereits wichtige Ergebnisse: Im Rahmen der Blutuntersuchungen wurde auch ein kleines Blutbild bestimmt. „Den Hämatokrit hatten wir gar nicht so sehr im Fokus, bis wir festgestellt haben, dass in den beteiligten Betrieben einzelne Tiere extrem hohe Werte hatten“, berichtet Andrea Fiedler.

Im Sommer kann es zur Dehydrierung rangniederer Kühe in der Herde kommen, wenn sie immer wieder von den Tränken abgedrängt werden. Mithilfe von Kameras und Temperaturmessgeräten konnte dieser Verdacht bestätigt werden. „In den Videos sah man Tiere, die die Tränkebecken verteidigt haben“, erzählt Fiedler. Rangniedere Tiere konnten nicht ausreichend Wasser aufnehmen. In den betroffenen Betrieben war dieses Problem zuvor überhaupt nicht bemerkt worden, erst die Untersuchungsergebnisse führten im Management zu einem Umdenken.

Kommt es bei hohen Temperaturen durch vermehrtes Schwitzen und zu geringe Wasseraufnahme zur Dehydrierung, werden auch die Durchblutung der Lederhaut und die Hornbildung gestört. Es wäre durchaus möglich, dass mit der mangelnden Wasserversorgung auch ein erhöhtes Risiko für Klauen­erkrankungen einhergeht.

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Prävention von Klauenerkrankungen in der Zukunft

Wenn die Ergebnisse aus dem Projekt im nächsten Jahr vorliegen, wird es hoffentlich möglich sein, konkrete Empfehlungen zur Prävention von Klauenerkrankungen zu geben: zum Beispiel zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben der Tiere eine Ultraschalluntersuchung der Klauen durchzuführen und spezifische Parameter zu vermessen – vielleicht nach der ersten Abkalbung. „Das ist relativ einfach, wenn man sich erst einmal eingeguckt hat“, meint Fiedler. Die Untersuchungsergebnisse würden dabei helfen, Tiere mit erhöhtem Risiko für eine Klauenerkrankung frühzeitig zu identifizieren. 

Bei diesen Kühen könnte dann beispielsweise die Frequenz der Klauenpflege von zwei- auf dreimal jährlich erhöht werden. Das ermittelte Risiko könnte auch bei der Entscheidung über eine erneute Belegung berücksichtigt werden. Schließlich könnten die Ergebnisse aus der Klauen-Untersuchung in Zukunft vielleicht bereits in der Zucht berücksichtigt werden.

Momentan finden die letzten Untersuchungen im Rahmen des Projektes statt. Ausgewertet werden die Daten dann ab Ende diesen Jahres.

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