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Manchmal kann die Nutztierpraktikerin nicht so helfen, wie sie es gerne würde.
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Manchmal kann die Nutztierpraktikerin nicht so helfen, wie sie es gerne würde.

Ethik

Tierarzt im Spagat: Moralische Herausforderungen in der Nutztierpraxis

Tierarztmangel auf dem Land: Die Nutztierhaltung ist zu einem kontrovers diskutierten Arbeitsumfeld geworden. Wie blicken Nutztierpraktiker und -praktikerinnen in die Zukunft ihres Berufes?

In der Rinder-, Schweine und Geflügelpraxis bewegt sich der Tierarzt in einem Spannungsfeld unterschiedlichster Ansprüche, denen er kaum gleichzeitig gerecht werden kann. Er möchte die Tiere möglichst optimal therapieren, aber dem Landwirt eine Rechnung stellen, die der auch bezahlen kann. Auch die eigene Praxis muss kostendeckend arbeiten und die knappe Zeit für alle Kunden reichen. Zahlreiche und teilweise nicht nachvollziehbare Gesetzesvorgaben sind zu erfüllen, die Bürokratie nimmt von Jahr zu Jahr zu. Schließlich wird die landwirtschaftliche Tierhaltung kontrovers diskutiert. Angesichts der massiven gesellschaftlichen Kritik scheint die Zukunft der Branche in Europa zunehmend unsicher.

Ein Stimmungsbild der Nutztierärzte und –tierärztinnen in Deutschland angesichts dieser Diskussion hat der Philosoph Dr. Christian Dürnberger eingefangen. Dürnberger beschäftigt sich mit ethischen Fragen in der Landwirtschaft und arbeitet zurzeit am Messerli-Forschungsinstitut in Wien zu Fragen der Ethik der Mensch-Tier-Beziehung. Mithilfe einer nicht-repräsentativen Online-Umfrage interviewte er 2019 123 Praktiker und Praktikerinnen aus Deutschland, etwa zur Hälfte weiblich. Der überwiegende Anteil (92 Prozent), war in der Rinderpraxis tätig, etwa ein Drittel auch in der Schweinepraxis. Seine Erkenntnisse und zahlreiche Zitate aus den Umfragen veröffentlichte Dürnberger in drei Fachartikeln sowie dem Band „Moralische Herausforderungen der Veterinärmedizin in der Nutztierhaltung“.

Den Tierärzten bleibt wenig Handlungsspielraum

„Ich würde ja gerne helfen, aber ich kann es nicht“ – so lässt sich die zentrale moralische Herausforderung für Nutztierärzte wohl zusammenfassen. Sie wissen, was moralisch richtig wäre, können aber aufgrund äußerer Zwänge nicht immer entsprechend handeln. Ob geschlachtet statt therapiert oder ein Antibiotikum mehr nach Wartezeit als nach Indikation ausgewählt wird: Fast immer geht es bei den beschriebenen Konflikten darum, dass der Tierarzt gerne optimal behandeln würde – es aber aufgrund äußerer Umstände nicht kann. Im Weg stehen dabei in erster Linie der geringe finanzielle Spielraum der Landwirte, teilweise aber auch gesetzliche Regelungen. Als besonders belastend wird die Tötung von Tieren aus wirtschaftlichen Gründen empfunden. Ein Teilnehmer an der Umfrage schreibt: “Moralisch herausfordernd sind die Situationen, in denen zwischen Wirtschaftlichkeit und Tierschutz entschieden werden muss. Hier gibt es kein Schwarz-Weiß, sondern nur Graubereiche.” Ein anderer spitzt zu: “Manchmal stellt sich die Frage, ob ich Mediziner bin oder Ökonom.”

Auch mit ethischen Dilemmata sind die Tierärzte konfrontiert: Missstände im Stall ignorieren, oder einem Landwirt in Not auch noch „das Amt auf den Hals hetzen“ ? Eine solche Entscheidung ist nicht leicht zu treffen. Vor allem die Praxisinhaber wagen gleichzeitig noch einen Spagat zwischen ihrer Rolle als Unternehmer und Arbeitgeber sowie dem eigenen Selbstverständnis als „Anwalt der Tiere“.

Was hilft, mit diesen moralischen Konflikten umzugehen? Hier nannten die Tierärzte in erster Linie das Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen – Fachfremde könnten die Problematik häufig nicht nachvollziehen.

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Nutztierpraktiker: Teil einer verschwindenden Welt?

Immerhin 30 Prozent der befragten Kolleginnen und Kollegen würden heutigen Studierenden eher davon abraten, in die Nutztierpraxis zu gehen. Angesichts des Tierarztmangels eine traurige Bilanz. Interessanterweise wird als Begründung noch vor den bekannten Problemen mit Arbeitsbedingungen und Verdienst die gesellschaftliche Kritik an der Nutztierhaltung genannt.

Dürnberger gewinnt aus den Antworten den Eindruck, dass sogar bei Praktikerinnen und Praktikern, die mit ihrem Beruf glücklich sind, eine „düstere Stimmung“ in Bezug auf die Zukunft der Nutztierhaltung herrscht: „Manche Nutztierpraktiker.innen sehen sich als Teil einer Welt, die sich im Niedergang befindet“, schreibt der Philosoph.

In der gesellschaftlichen Debatte um Tierwohl und Tierhaltung fühlen sich die befragten Tierärzte und Tierärztinnen grundsätzlich außen vor. Einige beklagen, dass die Gesellschaft ein verzerrtes Bild von Tierhaltung habe und dass die Stimme von Tiermedizinern als Experten in der Debatte keine Rolle spiele. So würde zum Beispiel gar nicht wahrgenommen, dass sich die Tierhaltung in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert hat.

Dabei haben auch die Tierärzte Änderungswünsche an die Nutztierhaltung. Genannt wurden unterschiedlichste Punkte wie die ganzjährige Anbindehaltung, Bestandsgrößen oder Betäubung bei zootechnischen Eingriffen – praktisch immer ging es darum, bessere Bedingungen für die Tiere einzufordern. Dabei empfinden die Tierärzte den Handlungsspielraum der Landwirte als ähnlich eingeschränkt wie ihren eigenen. Betont wird hingegen die Rolle der Verbraucher, die bereit sein müssten “für ihre Forderungen auch zu zahlen”.

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Der Blick in die Zukunft

Trotz aller Schwierigkeiten überwiegt bei der Mehrheit der Nutztierärzte und -tierärztinnen aber die Liebe zum Beruf: Drei Viertel konnten der Aussage „Ich würde mich wieder für eine veterinärmedizinische Laufbahn in einer Nutztierpraxis entscheiden“ zustimmen. Etwa 60 Prozent würden ihren Beruf auch heutigen Studierenden empfehlen.

Gefragt nach Themen, die im veterinärmedizinischen Studium vermehrt eine Rolle spielen sollten, tauchte das Stichwort „Ethik“ nicht in den Antworten auf. Den Praktikern lag mehr das betriebswirtschaftliche Praxismanagement am Herzen, ein größerer Fokus auf die Bestandsbetreuung und ein insgesamt praxisnäheres Studium – hier fühlen sich die Tierärztinnen offensichtlich nicht gut auf die Praxis vorbereitet. Die Rinder- und Schweinepraktiker wünschen sich zwar mehr Nutztierpraxis im Studium, sprechen sich aber mehrheitlich gegen ein eigenes Studium für die Sparte aus. Sowohl die Wahlfreiheit für die Absolventen als auch ein “guter Grundstock” an Wissen werden anscheinend auch nach einigen Jahren in der Praxis positiv bewertet: “Real doctors treat more than one species!”

Den Studierenden raten die Praktiker, sich möglichst durch viele Praktika in Nutztierpraxis und Landwirtschaft ein realistisches Bild der Profession zu verschaffen, bevor sie sich auf etwas einlassen, was viele noch immer mehr als „Berufung“ denn als „Beruf“ empfinden. Die Antworten zeigen nämlich auch deutlich, was Nutztierpraktiker an ihrem Arbeitsalltag lieben: wirtschaftliche Sicherheit und die Bedeutsamkeit der Arbeit in der Lebensmittelproduktion, in erster Linie aber die große Vielfältigkeit, den Austausch mit den Landwirten und den Umgang mit den Tieren.

Buchtipp

Dürnberger C (2021): Moralische Herausforderungen der Veterinärmedizin in der Nutztierhaltung. Harald Fischer Verlag GmbH, Erlangen, ISBN: 978-3-89131-535-34