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Depression und Burn-out: Geht es dem Landwirt schlecht, leiden manchmal auch die Tiere.

Tierschutz

„Den Tieren gehts schlecht, weil es den Bauern schlecht geht.“

Rinder im Stall verhungert: Hinter schrecklichen Schlagzeilen wie dieser verbirgt sich oft nicht nur großes Tierleid, sondern auch ein Landwirt in Not. Wir haben mit Prof. Dr. Edgar Schallenberger, Vertrauensmann Tierschutz in der Landwirtschaft, über Bauern in der Abwärtsspirale gesprochen.

Seit 2014 sind Sie in Schleswig-Holstein Vertrauensmann Tierschutz in der Landwirtschaft. Was sind Ihre Aufgaben?

Schallenberger: Ich sitze nicht im Büro, sondern bin ein Ansprechpartner für alles. Ein bisschen wie der „Beichtvater“, vor allem für Leute, die Probleme haben. Eigentlich ist meine Aufgabe, mich um das zu kümmern, wo man normalerweise nicht so gerne hinschaut. Neben Milchvieh und Fleischrindern geht es dabei auch oft um Tiere im Naturschutz, um Pferde und Schafe. In Schweine- und Geflügelhaltungen komme ich seltener, was aber nicht heißt, dass es da keine Probleme gibt.

Ich bin nicht nur für Landwirte zuständig, mich kann jeder ansprechen, z.B. Fahrer von Tiertransporten an oder Mitarbeiter in Schlachtstätten. Es ist manchmal leichter, mich anzusprechen als den Betriebsleiter oder das Veterinäramt. Wer sich an mich wendet, genießt Vertrauensschutz.

Anfangs wurde ich als der „Bauernversteher“ angesehen, doch ich bin in erster Linie Tierarzt und verstehe mich als jemand, der den Tierschutz hochhält. Kein Bauer ist geborener Tierquäler. Er wird irgendwann zu jemandem, der sich erst selber vernachlässigt und dann irgendwann anfängt, auch die Tiere zu vernachlässigen – bis am Schluss eben alles kaputt ist. Ich sage immer: Den Tieren gehts schlecht, weil es den Bauern schlecht geht.

Mängel in der Tierhaltung, Verstöße gegen das Tierschutzgesetz – Sie glauben, dahinter steckt oft psychische Not bei den Landwirten?

Schallenberger: Probleme gehen nicht auf die Tiere zurück, sondern immer auf den Menschen. Deshalb müssen wir den Ursachen auf den Grund gehen, z.B. wirtschaftliche oder familiäre Probleme, Depression, Burn-out oder Alkoholmissbrauch.

Der Druck auf die Landwirte nimmt zu: Wir haben seit vielen Jahren Milchkrise, schlechte Preise… Jedes Jahr hören Betriebe wegen Strukturwandel und Nachfolgeproblemen auf. In den letzten paar Jahren haben wir etwas gesehen, was ich mir früher nicht vorstellen konnte: Landwirte gehen in die Insolvenz. Es ist nicht mehr so leicht, Bauer zu sein.

Ich würde sagen, psychogene Störungen und Burn-out sind heute in der Landwirtschaft wohl ähnlich häufig vertreten wie bei der durchschnittlichen Bevölkerung. Weil ein Bauer aber ein Multitasking-Phänomen sein muss, machen sich die Probleme dort noch stärker bemerkbar.

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Woran merkt man, dass ein Landwirt Hilfe braucht?

Schallenberger: Eigentlich fängt es immer gleich an: Jungtiererkrankungen häufen sich, Klauenprobleme nehmen zu, die Milchleistung sinkt, die Milchqualität wird geringer, die Sauberkeit wird schlechter. Das sind immer wiederkehrende, gleiche Bilder. Die muss ein Hoftierarzt erkennen und dann auch über die kurative Behandlung der Tiere hinaus eingreifen.

Man merkt, wenn ein Mensch sich verändert, wenn er nicht mehr zur Feuerwehrübung oder ins Gasthaus kommt. Leute, die Schwierigkeiten haben, ziehen sich zurück. Die Familien sind kaputt, Frau oder Mann und Kinder sind weggelaufen, der Bauer kann nicht mehr bezahlen und hat Schulden. Bauern, die aus der Spirale nicht mehr herauskommen, fangen 5.000 Sachen an, führen aber nichts zu Ende, sind von morgens um 4 Uhr bis abends um 11 Uhr im Stall, haben aber nichts recht fertig gebracht. Das ist genau das, was Burn-out und Depression ausmacht.

Dabei geht es nicht nur um die älteren Bauern, die auf die Rente zugehen und einfach nicht mehr können. Wir sprechen auch von Betrieben, die mal gut waren, die ein paar Hundert Tiere haben, aber auf einmal den Weg nach unten gehen. Die Abwärtsspirale beginnt langsam, aber irgendwann geht es sehr schnell bergab. Dann wird es bitter. Und wenn irgendwann die Amtsveterinärin, der Amtsveterinär kommt, Maßnahmen androht oder Tierwegnahmen macht, dann ist alles zu Ende.

Der Betreiber ist ja dafür verantwortlich, wie es den Tieren geht. Wenn alles auf Sparflamme gefahren wird – das Einkommen, die persönliche Achtung – dann ist die Tiervernachlässigung fast systemimmanent.

Was kann der Hoftierarzt in einem solchen Fall tun?

Schallenberger: Ich kenne viele Tierärzte, die sich nebenher viel um ihre Klientel kümmern. Mein Tipp ist: Nie wegschauen, sondern den Landwirt immer proaktiv ansprechen. Ich finde, die Tierärzte haben bei den Landwirten meistens noch einen guten Stand und sollten das nutzen, um in solchen Fällen über die normale tierärztliche Tätigkeit hinaus zu beraten.

Wenn Tierschutzskandale in den Medien ausgebreitet werden, verliert der Verbraucher das Vertrauen in die Tierproduktion, auch in Tierärzte. Da heißt es, die gucken ja auch nicht hin, wie schlecht es den Tieren geht. Unser Image geht dabei in die Knie, das können wir doch nicht tolerieren! Wir Tierärzte können nicht warten, bis der Amtsveterinär kommt, wir müssen proaktiv etwas tun, um bei Problemen in unserem Umfeld rechtzeitig die Warnlampen angehen zu lassen. Ich finde, es ist eigentlich ein Skandal unseres tierärztlichen Berufsstandes, wenn wir Vorfälle wie in Ansbach haben, wo 150 Rinder im Stall verhungerten und angeblich niemand etwas mitbekommen hat.

Der Bauer hat ja, wenn er noch halbwegs gut dran ist, immer irgendwelche Berater an der Hand, zum Beispiel Futtermittelberater. Mit solchen Menschen aus dem Umfeld eines Betriebs kann man sich zusammensetzen und eine Grunddiagnose stellen: Warum ist es so schlecht geworden? Ein „Therapieplan“ für Verbesserungen muss ganz niederschwellig sein, aber unbedingt überwacht werden. Ich sage immer: „Soll ich Dir helfen? Dann wirst Du mich so schnell nicht wieder los.“ Wann immer ich in der Gegend bin, komme ich vorbei. So kriegt man die Leute langsam aus der Situation heraus.

Welche Unterstützungsangebote gibt es speziell für Landwirte?

Schallenberger: Die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) hat eine Krisenhotline, an die man sich 24 Stunden am Tag wenden kann, auch anonym. Das Hilfsangebot geht auf die Initiative eines Bündnisses in Schleswig-Holstein von Landwirtschaftsministerium, Bauernverband, Landwirtschaftskammer, Nordkirche, Landfrauen und der Sozialversicherung zurück. Es wird stärker in Anspruch genommen, als wir ursprünglich dachten. Landwirten wird da gut geholfen, es gibt schnelle Betriebshilfe, stationäre oder andere Hilfestellungen, z.B. auch Angebote zur Familienerholung.

Klassische Rezepturen greifen bei Landwirten zu kurz: Ein Bauer kann regelmäßige Therapie-Termine oft nicht einhalten und erst recht nicht so schnell sagen, ich verlasse meinen Hof und gehe sechs Wochen in die Klinik. Wer macht die Arbeit weiter? Lohnarbeit gleicht nie den Verlust eines voll tätigen Landwirts aus. In Notfallsituationen versuche ich aber dennoch, eine stationäre Aufnahme zu erreichen.

Um aus einer solchen Abwärtsspirale herauszukommen, braucht es zu 50 Prozent den Willen des Bauern und zu 50 Prozent das Können der Leute, die helfen.

Unterstützung für Landwirte

Krisenhotline für Landwirte der SVLFG:  Tel. 0561 785 10101

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