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Besondere Zuwendung des Besitzers bei tierärztlichen Behandlungen – schon ein Verdachtsmoment?
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Besondere Zuwendung des Besitzers bei tierärztlichen Behandlungen – schon ein Verdachtsmoment?

Münchhausen-by-proxy-Syndrom

Vorgetäuschte Tierkrankheiten

Manipulieren manche Halter die Gesundheit ihrer Tiere? Über das „Münchhausen-by-proxy-Syndrom“ ist eine Debatte entstanden, die Tier- und Humanmediziner betrifft.

Selten ist Dr. Thomas Steidl auf eine Publikation so oft angesprochen worden wie auf einen Überblicksartikel, den er im April dieses Jahres im „Deutschen Tierärzteblatt“ veröffentlicht hat. Titel: „Münchhausen-Stellvertreter-(‚by-proxy‘-)Syndrom. Ein humanmedizinisches Krankheitsbild – auch in der Tiermedizin?“ In dem Fachartikel schreibt Steidl, Vorsitzender des DVG-Arbeitskreises Forensische Veterinärmedizin, über ein Störungsbild, das man bislang nur selten mit der Veterinärmedizin in Zusammenhang gebracht hat. Das nach dem „Lügenbaron“ benannte Münchhausen-by-proxy-Syndrom besteht darin, dass Menschen, vielfach sind es Mütter, durch Manipulationen, etwa Arzneimittelgabe, Krankheitssymptome bei Schutzbefohlenen – häufig Kindern – hervorrufen. Im Anschluss suchen die Täterinnen ärztliche Hilfe für die Erkrankten, drängen dabei auf Behandlungen, täuschen medizinisches Personal und machen es so zu „Mittätern“. Erstmalig beschrieben wurde das Syndrom 1977 in der Fachzeitschrift „The Lancet“.

Im „Deutschen Tierärzteblatt“ nun lieferte Steidl, selbst Fachtierarzt für Klein- und Heimtiere sowie Präsident der Landestierärztekammer Baden-Württemberg, vor einem knappen halben Jahr ein ausführliches Review zu den bisherigen Forschungsarbeiten, die mögliche „Münchhausen-­by-proxy“-Fälle in der Tiermedizin untersucht haben. Diese – noch rar gesäten – Studien stammen vorwiegend aus dem angloamerikanischen Raum. Zu nennen sind hier insbesondere die Arbeiten von Helen Munro und Michael Thrusfield aus Großbritannien. Im Jahr 2001 befragte das Autorenteam, das sich mehrfach mit dem Thema befasste, tausend britische Kleintierpraxen. Bei etwa 450 zurückgeschickten Fragebögen wurde immerhin insgesamt von sechs Verdachtsfällen berichtet. Auch ein „Tierarzt-Hopping“ scheint demnach in solchen Fällen häufig vorzukommen. Einige der teilnehmenden Praktiker äußerten von sich aus die Überlegung, dass ein Münchhausen-by-proxy-Syndrom vorliegen könnte.

Anrufe von Berufskollegen

„Mehrere Kolleginnen und Kollegen haben mich nach Erscheinen des Artikels im Tierärzteblatt angerufen, selbst erlebte Fälle geschildert und dann gefragt: Könnte das vielleicht so etwas sein?“, berichtet Steidl. Unter den ratsuchenden Tiermedizinern waren sowohl Kleintier- als auch Nutztierpraktiker.

Steidl verweist bei solchen Anfragen auf die Schlüsselkriterien, die er in seiner Publikation zusammengefasst hat. „Dazu gehören unter anderem häufige Konsultationen aus nichtigen Anlässen, Widersprüche zwischen Vorbericht und klinischem Befund, unplausible Laborergebnisse, ausbleibender Behandlungserfolg trotz leitliniengerechten Vorgehens, Besserung bei Trennung vom Tierhalter“, erklärt Steidl. „Zudem macht der Tierhalter oft einen fachlich kompetenten Eindruck und möchte gern in die medizinische Betreuung des Tieres involviert werden.“ Typische Erkrankungsbilder sind Frakturen mit unerklärlichem Heilungsverlauf, Wundheilungsstörungen, Vergiftungserscheinungen sowie Symptome, die den Anschein von milden Arzneimittelnebenwirkungen haben.

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Hat ein Tierhalter mehrere Tiere, so kann sich auch über einen längeren Zeitraum eine ähnliche Symptomatik bei verschiedenen Tieren desselben Besitzers ergeben. Letzteren Fall hat Steidl während seiner mehr als dreißigjährigen Tätigkeit als Praktiker schon selbst erlebt. Durch diese Erfahrungen und durch den Kontakt zu Wissenschaftlern in Großbritannien ist er auf das Thema aufmerksam geworden.

Steidl sieht für Tierärztinnen und Tierärzte weniger den Bedarf, die psychiatrischen Hintergründe der Fälle, in denen Tierhalter Münchhausen-by-proxy-Verhaltensweisen zeigen, aufzuklären. „Unsere Aufgabe als Tierärzte ist es zunächst, die typischen Anzeichen zu kennen und dann daran zu denken, dass ein solcher Fall vorliegen könnte“, sagt er. „Wir müssen uns aufs Tier fokussieren.“

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Auffällig: Bei einer Trennung vom Tierhalter bessern sich die Symptome.
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Auffällig: Bei einer Trennung vom Tierhalter bessern sich die Symptome.

In der Humanmedizin gilt das Interesse nicht nur den menschlichen Opfern, sondern auch den Täterinnen und Tätern. „Leider gibt es noch immer nicht viele Daten zu Patienten mit Münchhausen-by-proxy-Syndrom“, erklärt der Psychiater PD Dr. Andreas Hill, stellvertretender Leiter des Referats für Forensische Psychiatrie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). „Diese Menschen schaffen es oft lange, unentdeckt zu bleiben. Stehen sie vor der Entdeckung, entziehen sie sich meist schnell.“

Für Hill erscheint es in der Tiermedizin besonders wichtig, genau auf die Motivation der Täter zu achten. „Wenn es zum Beispiel um eine Versicherungssumme für ein wertvolles Tier geht und der Halter daher Symptome bei dem Tier bewusst erzeugt, darf eine solche kriminelle Handlung nicht als Ausdruck eines Münchhausen-by-proxy-Syndroms bewertet werden“, so Hill. Das Münchhausen-by-proxy-Syndrom könne Teil verschiedener tief greifender Persönlichkeitsauffälligkeiten und -störungen sein. „Der Wunsch nach Aufmerksamkeit, die Lösung innerer Konflikte, abgespaltene Aggression und eigene erlebte Misshandlungen können eine Rolle spielen“, so Hill. Wenn man einen Zugang zu den Tätern gewinne, sei das Störungsbild möglicherweise durch eine Psychotherapie zu bearbeiten.

Forschungsprojekt geplant

Um in der Tiermedizin zunächst einmal Zahlen zu möglichen Fällen zu erfassen, hat sich Thomas Steidl an eine der tiermedizinischen Fakultäten gewandt und eine Dissertation zum Thema angeregt. Als Erstes gehe es um eine Befragung von deutschen Tierärzten, so Steidl. Er setzt hier vor allem auf die Teilnahme von Kolleginnen und Kollegen mit langjähriger Berufserfahrung. „Ich glaube, erst wenn man ein ‚alter Hase’ ist, entwickelt man eine gewisse Vorstellung, dass es solche Fälle geben kann“, so Steidl. Aber was ist zu tun, wenn eine Tierärztin oder ein Tierarzt einen Verdacht gegen einen Tierhalter hegt, ein Manipulieren von Krankheitssymptomen beim Haustier vermutet?

„Man muss dann sehr umsichtig und bedächtig sein“, empfiehlt Steidl. „Als Erstes würde ich mich ganz diskret innerhalb der eigenen Praxis mit Mitarbeitern beratschlagen. Wenn sich dann der Verdacht erhärtet, würde ich mich mit einem praxisexternen Kollegen, dem man vertraut, besprechen.“ Werde der Verdacht dann weiter als begründet empfunden, so sollten sich Tierärzte an das zuständige Veterinäramt wenden.

Aufmerksamer werden

Steidl hält es für sinnvoll, dass die Thematik auch in die Tierschutzausbildung der Veterinärreferendare, also der späteren Amtstierärzte, aufgenommen wird. „Noch viel wichtiger ist es aber, dass man erst einmal in der breiten Kollegenschaft ein Bewusstsein schafft.“ Die geplante Dissertation könne schon während ihrer Durchführung hierzu einen Beitrag leisten, hofft Steidl: „Die Kolleginnen und Kollegen, die den Fragebogen ausfüllen, machen ja schon währenddessen einen Bewusstseinswandel durch und werden aufmerksamer.“ Dennoch gelte: „Wir stehen ganz am Anfang. Und mit einer einzigen Doktorarbeit ist es wahrscheinlich nicht getan.“

Hier könnten sich auch ganz neue interdisziplinäre Forschungsansätze ergeben. Immerhin gehen die humanmedizinischen Diagnosehandbücher schon jetzt auf das Phänomen ein. Die zehnte Fassung des in Deutschland geltenden Diagnosemanuals „International Classification of Diseases“ (ICD) ist gerade überarbeitet worden. Noch ist die elfte Fassung, kurz ICD-11, nicht breit implementiert, aber sie ist online bereits auf der Website des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte einzusehen. Hier findet sich der Begriff „Münchhausen-by-proxy-Syndrom“ unter dem Punkt „Artifizielle Störung, fremdbezogen“. Bemerkenswert ist der letzte Satz des Eintrags: „Es kommt vor, dass die Person die Symptome bei einem Haustier und nicht bei einer anderen Person vortäuscht oder fälscht.“ Für den Psychiater Andreas Hill von der deutschen Fachgesellschaft DGPPN ist jedenfalls klar: „Ich glaube, dass hier eine Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Tierärzten fruchtbar sein könnte.“

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