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Das Feedback aus den Praxen zur neuen GOT ist unterschiedlich.
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Das Feedback aus den Praxen zur neuen GOT ist unterschiedlich.

Gebührenordnung

GOT: Von Chancen und Diskussionen

Ein Jahr neue GOT – höhere Umsätze, viele Fragezeichen und noch mehr Kunden-Diskussionen. Das Feedback aus den Praxen ist sehr unterschiedlich.

Letztens habe ich gemerkt, dass mein morgendliches Ritual „Mails checken“ ein unerfreuliches Ereignis geworden ist. Seit geraumer Zeit tauchen in meinem Posteingang immer mehr Info-Briefe der gleichen Art auf: Der Preis für die Bahncard 25 wird angehoben, genauso das Abo beim Musik-Streaming-Anbieter Spotify und auch der Beitrag für die OP-Schutzversicherung meiner Hündin steigt von 20 auf 33 Euro. Grund: Die angepasste GOT + Inflation führe zu stark gestiegenen Tierarztkosten, welche eine Beitragsanpassung erforderlich machten. Die Bahn beruft sich auf die hohen Ausgaben für Energie. Ach da war ja was, bald beginnt die Heizperiode.

Düstere Aussichten fürs Portemonnaie. Genau wie mir geht es jedem von uns, auch den Tierhaltern, das ist mir klar. Mit Einführung der neuen Gebührenordnung für Tierärzte, deren Einhaltung für die Berufsgruppe seit dem 22. November 2022 gesetzlich verpflichtend ist, müssen sie durchschnittlich 20 Prozent höhere Tierarztkosten schultern. Das dieser Schritt notwendig und längst überfällig war, ist mir als Tierärztin klar und auch bei vielen Patientenbesitzern angekommen. Trotzdem:  „Die Situation ist hochemotional“, sagt Christina Münch, die auf ihrer Plattform „Horsefuturepanel“ ein Trendbarometer zum Thema neue GOT durchgeführt und hierfür 5000 Tierbesitzer befragt hat. 

„Wir reden schon viel über Geld“

Vor allem Pferde- aber auch Kleintierpraktiker finden sich zum Teil in anhaltenden Diskussionen wieder. „Wir reden schon sehr viel über Geld“, sagt eine Gemischtpraktikerin im Umland von Hannover und ergänzt betrübt: „Ich bekomme plötzlich total viele negative Google-Rezensionen und werde nicht mehr als Helferin der Tiere angesehen, sondern als eine, die sich die Taschen vollmachen will.“ Ähnlich geht es einer Pferdepraktikerin im Münsterland: „Unseren Kunden wachsen die Kosten über den Kopf“, sagt sie. Das Feedback der Pferdebesitzer sei negativ, ständig gebe es Diskussionen vor allem wegen der umstrittenen Hausbesuchsgebühr von mindestens 34,50 Euro pro Tier, welche dem Kunden schwer erklärbar sei. „Wir haben 10-15 % weniger Aufträge“, berichtet ein Pferdefahrpraktiker auf dem bpt-Kongress in München. Dies führe zwar nicht zu einer deutlichen Umsatzeinbuße, sei aber trotzdem nicht leicht fürs Nervenkostüm.


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Interessanterweise ist dies nicht überall gleichermaßen der Fall: „Unsere Kunden sagen, dass sie sich die Preiserhöhungen schlimmer vorgestellt haben“, meldet die TFA einer Kleintierpraxis aus Brandenburg. Klar manche schluckten kurz, aber insgesamt erlebe sie wenig erboste Rückmeldungen.

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Die Chance für die eigene Praxis nutzen

„Die neue GOT als Chance sehen“ ist das Motto von Micheal Kreher, der mit einem Kollegen eine Gemeinschaftspraxis in brandenburgischen Bad Liebenwerda leitet. Seiner Erfahrung nach haben öffentlichkeitswirksame Kampagnen im Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften gute Arbeit geleistet und Schwellen abgebaut. „Unsere Kunden haben die höheren Kosten akzeptiert“, so der Fachtierarzt für Pferde und Rinder, der die Notwendigkeit der Preiserhöhungen sieht, um den Notdienst wirtschaftlich anbieten zu können, Fahrtkosten zu decken, sowie Assistenten mittels besserer Ausstattung und besseren Gehältern einen leichteren Einstieg zu ermöglichen. „Viele Tierärzte seien in der Kommunikation der Preiserhöhungen zu defensiv vorgegangen“, glaubt er. In Bezug auf die Umsetzung hat er eine klare Meinung: „Wer diese Chance  nicht nutzt, um seine Praxis für die Zukunft auszurichten, ist selbst Schuld.“

Dass höhere Kosten für tierärztliche Leistungen unumgänglich sind, weiß auch der Finanzökonom und Praxisberater Dirk Brennecke, der ein Trendbarometer durchgeführt hat. „Wir haben in Deutschland einen Tierarztmangel und steigende Kosten. Praxisinhaber MÜSSEN nicht nur GOT-konform, sondern adäquat abrechnen, wenn sie wirtschaftlich arbeiten wollen.“ Auch er hat den Eindruck, dass die Presse „gut getrommelt“ habe und Tierbesitzer auf die höheren Kosten sowie deren Notwendigkeit vorbereitet hat. Trotzdem bekommt er unterschiedliches Feedback von seinen Kunden: „Die meisten verzeichnen seit Einführung der neuen Gebührenordnung sehr viel höhere Umsätze und sind zufrieden“, sagt er. Eine Erklärung, warum einige Praxen mehr Probleme haben, sieht er im regionalen Wettbewerb: Wenn es im Umfeld Kollegen gibt, die unter GOT abrechnen führe das natürlich zu Problemen und negativer Stimmung. „Häufig sind das ältere Praxisinhaber, die vor dem Eintritt in den Ruhestand nichts mehr ändern wollen“, so Brennecke.

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Keiner will den Kollegen anschwärzen

Brenneckes Einschätzung bestätigten Kolleginnen und Kollegen aus der Praxis auf dem diesjährigen bpt-Kongress. So gebe es im Pferdebereich Tierärzte, welche die Hausbesuchsgebühr wegließen, was negativ auf Kollegen zurückfiele, die alles korrekt und konsequent abrechneten. „Es ärgert mich, dass die Exekutive nicht in der Lage ist, hier entsprechend durchzugreifen und solche Kollegen gerichtlich an den Pranger stellt“, kritisiert ein Pferdefahrpraktiker. Die Präsidentin der Landestierärztekammer Baden-Württemberg Heidi Kübler kontert: Hierfür bräuchten die Kammern handfeste Beweise, die ihr nicht vorlägen. Irgendwie klar, denn keiner möchte seine Nachbarkollegen anschwärzen. Der Vorschlag stichprobenartige Abrechnungskontrollen durchzuführen hält Kübler für nicht umsetzbar. Dafür fehle es schlichtweg an Personal. Im Übrigen hat die in Heilbronn praktizierende Tierärztin ein anderes Problem mit der neuen GOT: Für sie sind die neuen Sätze ein Downgrade, da sie schon vorher nach 2-fachem Satz abgerechnet habe, was die Kunden in der süddeutschen Gutverdienerregion nie bemängelt hätten. „Die neuen einfachen GOT-Sätze entsprechen dem früheren 1,5-fachen Satz“, sagt auch der beim bpt angestellte Betriebswirt Hans-Peter Ripper. Seiner Einschätzung nach haben vor allem Praxen erzürnte Kunden sowie Diskussionen, die vorher zu billig waren. 

Nicht alles verständlich

Als Tierarzt mit Unternehmergeist zieht der Pferdepraktiker Kai Kreling in seinem Vortrag „1 Jahr neue GOT – wie funktioniert die Umsetzung in der Praxis?“ ein vorläufiges Fazit: Vor allem fürs Personal bringe die neue GOT eine Verbesserung der Gesamtsituation (z. B. Umsetzung des Arbeitszeitgesetzes, vergleichbare Bezahlung von Mitarbeitern, Optimierung der Notdienstsituation) und damit eine höhere Arbeitsqualität, was sich langfristig hoffentlich positiv auf den bestehenden Fachkräftemangel auswirke. Allerdings müssten Praktiker die Gesetzesvorgaben einheitlich und eigenverantwortlich umsetzen und es bedürfe einiger redaktioneller Anpassungen in der GOT, sodass die Definitionen eindeutig verständlich seien. Verständlich ist tatsächlich nicht alles: „Der Teufel steckt im Detail“, so die Rückmeldung der Kolleginnen und Kollegen zu den veränderten GOT-Positionen. Was das Verständnis  sowie die korrekte Abrechnung angeht, gibt es vor allem im Pferdebereich bereits einige Initiativen.

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