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Für ihr Forschungsprojekt nimmt Lara Grundei einem Mäusebussard Blut ab.
Foto: Privat
Für ihr Forschungsprojekt nimmt Lara Grundei einem Mäusebussard Blut ab.

Im Porträt: Lara Grundei

Wildtierwissen für alle

Aufklärung über Bussard, Igel & Co.: Tierärztin Lara Grundei vermittelt via Instagram, wie man hilfsbedürftigen Wildtieren begegnen sollte.

Fangen, in eine Box setzen, Wiegen, ausführlicher Gesundheitscheck, schließlich ein Röntgenbild: Wird ein verletzter Greifvogel in eine Praxis oder Auffangstation gebracht, sind das meist die ersten Schritte vor der sogenannten Rehabilitation, der Zeit, in der das Tier so medizinisch behandelt und gepflegt wird, dass es wieder ausgewildert werden kann.

Wenn an einem sonnigen Tag Ende März in der Wildtierauffangstation Sachsenhagen südlich des Steinhuder Meers gleich drei Mäusebussarde einer solchen Prozedur unterzogen werden, dann dient das der Wissenschaft. Für ihre Dissertation misst Tierärztin Lara Grundei die Ausschüttung von Stresshormonen bei den Greifvögeln während der Zeit in Menschenhand. „Mäusebussarde sind die häufigsten Greifvögel in Deutschland und sehr präsent in der Nähe des Menschen“, erklärt Grundei die Wahl der Tierart. „Sie suchen nahe Autobahnen nach Aas oder sitzen auf Feldern. Wenn sie hilfsbedürftig sind, werden sie schnell gesehen und eingefangen.“

Volle Auffangstationen

Die Frage, wie es heimischen Wildtieren nach der Entnahme aus der Natur geht, ist noch kaum erforscht, doch sie wird immer wichtiger. Die Auffangstationen für Wildtiere sind übervoll; die Deutschen verbrachten in den Pandemiejahren ihre Freizeit mehr als zuvor draußen in der Natur und wurden so auf Tiere aufmerksam – auf wirklich hilflose, aber manchmal auch auf Ästlinge oder Feldhasenjunge, die man eigentlich besser in der Natur gelassen hätte.

In dieser emotional aufgeladenen Gemengelage, die Tierärzte, Wildtierpfleger und Veterinärbehörden in ganz Deutschland betrifft, engagiert sich die junge Tierärztin Lara Grundei gleich in mehrfacher Weise. Als Ansprechpartnerin des 2022 begonnenen Projektes „Wildtierdiskurs“ der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover organisiert sie gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen Vorträge, wertet Umfragen aus und entwickelt Lehrmaterialien für Schulen. Als @wildtieraerztin auf Instagram postet Lara Grundei all das, was Menschen wissen müssen, um Wildtiere zu schützen und deren Notlagen richtig einzuordnen.

Spezialisierung auf Wildtiere

Und als Wissenschaftlerin sitzt Lara Grundei einen Tag nach der Untersuchung der drei Bussarde in ihrem winzigen Gästezimmer in Sachsenhagen und gibt Verhaltensbeobachtungen in Excel-Tabellen ein. Die Fragestellung der Arbeit hat Grundei nach ihrem Examen im Jahr 2020 an der TiHo Hannover selbst entwickelt und verschiedene Naturschutzverbände als Förderer gewonnen. Erforschen will sie die Stresshormonverläufe bei Mäusebussarden während der Rehabilitation; hierbei wird auch der Peak nach der tierärztlichen Untersuchung aufgezeichnet – derzeit bei Gehegetieren, später bei wilden Bussarden. Man bestimmt dafür die Glukokortikoidmetaboliten im Kot. Betreut wird die Arbeit von Prof. Dr. Michael Pees, der auch den Wildtierdiskurs koordiniert.

„Ich wollte ein Doktorarbeitsthema, mit dem ich nicht nur den Titel mache, sondern auch etwas für die Wildtiere tun kann“, sagt Grundei. „Dass ich mich auf Wildtiere spezialisieren will, hat sich gegen Ende des Studiums immer mehr herauskristallisiert.“ Früh hatte sie bemerkt, dass Tierärzten aufgrund der mangelnden Compliance vieler Besitzer enge Grenzen gesetzt sind, wenn sie Tieren helfen wollen. Auch die Konfrontationen mit Haustieren aus Qualzuchten lösten bei ihr immer wieder Zweifel aus.

Mit ihrer Suche nach sinnhaften Aufgaben und der Frage nach Möglichkeiten, eigene Werte im Beruf zu leben, steht Grundei für eine ganze Generation von Tierärzten. Für sich hat die 30-Jährige eine Antwort gefunden: „Bei den Wildtieren, die man nach der Rehabilitation wieder auswildert, handelt man wirklich nur im Sinne des Tieres.“

Inspiration Bernhard Grzimek

Die Wurzeln ihres Interesses an Wildtieren aber reichen noch weiter zurück: „Bei meinen Großeltern las ich als Kind begeistert mehrere Bücher von Bernhard Grzimek“, erinnert sich Grundei. Der Tierarzt, Afrikareisende und große Wildtier-Erklärer war vor allem in den ersten Nachkriegsjahrzehnten eine TV-Berühmtheit, aber seine Texte berührten noch das Kind der 1990er-Jahre. „Ich fand den afrikanischen Kontinent unglaublich faszinierend und wollte von da an auswandern und Tierärztin für exotische Wildtiere werden.“

Ein Infotag für Schüler an der Universität in Mainz desillusionierte Grundei dann aber, denn hier sagte man ihr: „Ohne ein Abi von 1,0 oder 1,1 brauchen Sie es gar nicht zu versuchen, einen Platz in einem medizinischen Studiengang zu bekommen.“ Grundei erinnert sich: „Ich war zwar eine gute Schülerin, aber 1,1, das wusste ich, würde ich nicht schaffen.“ Nach dem Abitur studierte sie deshalb Soziale Arbeit in Köln, doch ihr fehlten die Naturwissenschaften so sehr, dass sie im dritten Semester abbrach. In einer Praxis in Düsseldorf begann sie eine Ausbildung zur Tiermedizinischen Fachangestellten. 2014, kurz vor der TFA-Abschlussprüfung, erhielt sie nach dem erfolgreich absolvierten Eignungstest dann doch noch einen Studienplatz in Hannover.

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Intensivpatienten werden zu Hause versorgt

Den Grundstock für ihr Spezialwissen über Wildtiere legte Grundei im Praktischen Jahr, als sie in Praxen hospitierte, die Reptilien und Vögel behandeln sowie Wildparks und Greifvogelhilfen betreuen. Heute arbeitet sie nebenbei in einer Kleintierpraxis, in der viele Wildtiere abgegeben werden. Die Intensivpatienten versorgt sie zu Hause ehrenamtlich weiter. Fortbildungen und der Kontakt zu einem großen Netzwerk von Wildtierspezialisten ergänzen fortwährend ihre Kenntnisse, die sie seit anderthalb Jahren auch via Instagram als @wildtieraerztin weitergibt.

Viele Tiermedizinstudierende folgen ihrem Account, aber auch Laien: „Die jüngere Generation, die sich mit Nachhaltigkeit, Umwelt und Artensterben auseinandersetzt, entdeckt mehr und mehr auch die heimischen Wildtiere.“ In ihren Beiträgen und Stories zeigt Lara Grundei, wie man ein Igelhaus baut, einen verletzten Greifvogel sichert oder die Taubenart bestimmt. Ihr mit Abstand am meisten aufgerufener Post ist allerdings eine grundsätzliche Anleitung, wie man bei einem Wildtierfund vorgehen sollte. „Ich bemerke über den Instagramaccount, dass der Wille, zu helfen, da ist – aber das Wissen häufig nicht“, erklärt Grundei. „Oft geraten auch die großen Zusammenhänge aus dem Blick.“ Wenn sie Debatten auf ihrem Account moderiert, argumentieren viele Teilnehmende dogmatisch. Ein „heißes Eisen“ seien vor allem invasive Arten wie der Waschbär und das Einschläfern von nicht mehr wildbahntauglichen Tieren.

Berufsziel: Tierärztin in einer Auffangstation

Mit Diskussionen zur Lage der Wildtiere auch ihr weiteres Berufsleben zu verbringen, ist Lara Grundeis erklärtes Ziel: Sie möchte als Tierärztin in einer Wildtierauffangstation tätig sein. Beim Blick aus dem Fenster ihres Gästezimmers in Sachsenhagen wird ihr immer wieder aufs Neue klar, wie viel solche Auffangstationen für Wildtiere erreichen können. Das ehemalige Militärdepot, das heute Stationen und Behandlungsräume beherbergt, liegt mitten in einem Wald, in dem Volieren verteilt sind, sodass aufgenommene Tiere sich noch während der Rehabilitation langsam wieder „entfremden“ und vor Ort ausgewildert werden können.

Stellen für Tierärzte in Auffangstationen sind allerdings rar gesät. „Viele Auffangstationen können sich keinen Tierarzt leisten“, erklärt Grundei. Dennoch glaube sie fest daran, ihren Platz zu finden: „Wenn man sich wirklich etwas vornimmt, ist es nicht wichtig, wie nischenhaft die Idee ist. Man findet dann immer einen Weg und ein Ziel.“

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