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In der Geflügelmast werden mehr Antibiotika eingesetzt als bei anderen Tierpopulationen.
Foto: Peter Hermes Furian – stock.adobe.com
In der Geflügelmast werden mehr Antibiotika eingesetzt als bei anderen Tierpopulationen.

Antibiotikaresistenzen

Weniger Antibiotika im Stall

Die Antibiotikamengen in der Tierhaltung wurden bereits enorm reduziert, nun scheint ein Plateau erreicht. Wie kann es jetzt weiter gehen?

Antibiotikaresistenzen sind weltweit eine der häufigsten Todesursachen. Mindestens 1,2 Millionen Menschen sterben jährlich, weil sie sich mit Pathogenen infizieren, gegen die Antibiotika nicht mehr wirken. Gleichzeitig steigt der Antibiotikaverbrauch allen bisherigen Bemühungen zum Trotz – nicht nur global, sondern auch in Europa. 

Angesichts dieser dramatischen Situation sind sich eigentlich alle Stakeholder einig: Wir müssen den Einsatz von Antibiotika weiter reduzieren, auch in Deutschland, auch in der Veterinärmedizin. Denn ein Beitrag der Tierhaltung zur Resistenz beim Menschen ist sicher – unklar ist nur, wie groß er ist. Resistenzen aus dem Stall werden in erster Linie über die Lebensmittelkette auf den Menschen übertragen. Ein geringerer Antibiotikaverbrauch in der (Nutz-)tiermedizin wird das Resistenzproblem in der Humanmedizin vermutlich nicht lösen können, aber er kann dazu beitragen, die Situation zu entspannen.

Die Antibiotikareduktion hat an Momentum verloren

Seit 2011 konnten die Antibiotikaabgabemengen in der Nutztiermedizin in Deutschland um ganze 60 Prozent gesenkt werden. Ein großer Erfolg! Doch inzwischen scheint die Reduktion zu stagnieren, 2020 stieg der Verbrauch im Vergleich zum Vorjahr sogar wieder leicht an. Bei Masthähnchen überschritt die betriebliche Therapiehäufigkeit 2020 das Niveau von 2014. Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern befindet sich Deutschland im Mittelfeld (Platz 11 von 31), Nachbarländer mit vergleichbaren klimatischen Bedingungen und ähnlich strukturierter Landwirtschaft wie Dänemark oder die Niederlande stehen allerdings deutlich besser da. Der Vergleich zeigt: Weniger Antibiotikaverbrauch in der Tierhaltung scheint durchaus machbar.

Auf europäischer Ebene wurde im sogenannten Green Deal ein ambitioniertes Ziel formuliert: Bis 2030 soll der Antibiotikaverbrauch (im Vergleich zu 2020) halbiert werden, so steht es in der Farm-to-Fork-Strategie. Über das „Wie“ der Reduktion wird scharf diskutiert – auch auf einer Online-Veranstaltung der Deutschen Umwelthilfe am 26. April 2022. Aus Sicht des Umweltschutzverbandes sind die bisherigen gesetzlichen Regulierungen nicht ausreichend, um dieses Ziel zu erreichen. 

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Besonders wichtige Antibiotika

Besonders umstritten ist der Einsatz der sogenannten Reserveantibiotika (highest priority, Critically Important Antibiotics, hpCIA. In Deutschland sind ca. 18,5 Prozent der für Tiere verkauften Antibiotika hpCIA. Der Einsatz dieser Wirkstoffe wurde in den letzten Jahren proportional zu den Gesamt-Verbrauchsmengen reduziert, also nicht mehr als andere Antibiotika. PD Dr. Bernd-Alois Tenhagen, ein Leiter der Fachgruppe Epidemiologie, Zoonosen und Antibiotikaresistenz am BfR präsentierte bei der DUH-Veranstaltung Daten, die zeigen, wie komplex die Situation ist. So werden Cephalosporine und Fluorchinolone deutlich häufiger in der Human- als in der Veterinärmedizin eingesetzt, bei ersteren sind auch die Resistenzraten beim Menschen höher als bei Masttieren. Bei Fluorchinolonen sind die Resistenzraten bei Menschen und Mastgeflügel ähnlich hoch, bei Rind und Schwein aber niedriger. Colistin wird hingegen wegen der Nebenwirkungen in der Humanmedizin kaum routinemäßig verwendet. Beim Geflügel sind die Resistenzraten gegenüber Colistin höher als bei anderen Tierpopulationen. Makrolide werden etwa gleich häufig bei Mensch und Tier eingesetzt, die von der WHO ebenfalls als hpCIA benannten Glycopeptide sind nicht beim Tier zugelassen.

Antibiotika-Verbote in der Tiermedizin?

Das neue europäische Tierarzneimittelrecht sieht die Möglichkeit vor, bestimmte Antibiotika für den Einsatz beim Menschen zu reservieren und ihre Anwendung in der Tiermedizin zu verbieten. Die Tierärzteschaft setzte sich 2021 vehement gegen Wirkstoffverbote ein und hatte Erfolg: Die von der europäischen Arzneimittelagentur (EMA) jetzt vorgeschlagene Liste enthält ausschließlich Wirkstoffe, die momentan nicht in der EU als Tierarzneimittel zugelassen sind. Die Diskussion um diese Liste schlägt allerdings nach wie vor hohe Wellen: Viele Humanmediziner und Umweltschutzverbände wie die DUH sehen sie als Festschreiben des Status quo und fordern weiterhin Anwendungsverbote von hpCIA, zumindest bei der Gruppenbehandlung von Nutztieren. EU-Parlamentarier Martin Häusling setzte sich bereits im Herbst 2021 für hpCIA-Verbote in der (Nutz-)tiermedizin ein. Mehr dazu ist hier und hier zu lesen. Häusling berichtet jetzt, dass ein gerichtliches Vorgehen gegen die Liste geprüft werde, denn sie widerspreche den übergeordneten politischen Zielen des Green Deal.

Für ein Colistin-Verbot setzt sich auf europäischer Ebene auch die deutsche Bundesregierung ein, so Dr. Dr. Markus Schick, Leiter der Abteilung Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit im BMEL. Er hält die jetzige Liste allerdings nicht für obsolet, denn eine Umwidmung von in der Tiermedizin verbotenen Substanzen auf Tiere ist nun nicht mehr möglich. Schick, der selbst sowohl Human- als auch Tiermediziner ist, stellt aber auch klar: „Ohne Antibiose geht es nicht“. Alle Tiere müssten behandelt werden können, um Schmerzen, Leiden und Schäden zu vermeiden. Darüber hinaus wäre es auch ein Gesundheitsrisiko für den Menschen, kranke Tiere nicht zu therapieren. Auch ein Verbot bestimmter Wirkstoffe nur für Nutztiere sieht Schick kritisch: In dem Fall sei ethisch doch zu hinterfragen, ob ein Tier weniger wert sei, nur weil wir es essen?

Bernd-Alois Tenhagen hält die Diskussion um die Verbotsliste für wenig zielführend. Nachbarländern sei eine weitere Antibiotikareduktion auch ohne solche Verbote gelungen. Tatsächlich gibt es gerade in Bezug auf Colistin viele gute Vorbilder: Deutschland hat hier im europäischen Vergleich einen hohen Verbrauch. Tenhagen meint: „Ein Verbot führt nicht dazu, dass die Anlässe, aus denen das Medikament eingesetzt wird, verschwinden. Es werden nur andere Antibiotika eingesetzt. Wir müssen dahin kommen, dass die Anlässe seltener auftreten.“

Ist der Schlüssel eine andere Tierhaltung?

Was wären abgesehen von Wirkstoffverboten Möglichkeiten, um den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung weiter zu reduzieren? Eigentlich alle Redner fordern durchgreifende Veränderungen der Haltungsbedingungen. Die Hoffnung in Bezug auf den Antibiotikaverbrauch: Gesündere Tiere benötigen weniger Medikamente und könnten langfristig einen geringen Antibiotikaeinsatz ermöglichen. Auch das bestehende Benchmarking-System zur Antibiotikareduktion müsse jetzt weiterentwickelt werden, zum Beispiel indem weitere Tierpopulationen aufgenommen werden. Darüber hinaus könnte Bernd-Alois Tenhagen sich eine Priorisierung von Antibiotika nach dem Beispiel von europäischen Nachbarländern vorstellen. Der Einsatz besonders wichtiger antimikrobieller Wirkstoffe wäre dann nur zulässig, wenn andere Antibiotika laut Antibiogramm nicht effektiv sind. Betriebswirtschaftliche Vorteile, die sich z.B. aus der Therapie mit Colistin- oder Cephalosporin-Präparaten ohne Wartezeit ergeben, müssten in Zukunft vielleicht durch höhere Hürden für den Einsatz dieser Präparate ausgeglichen werden.

In den nächsten Jahren stehen sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene einige politische Entscheidungen an, die den Antibiotikaeinsatz im Stall beeinflussen könnten: So steht im europäischen Arzneimittelrecht noch ein Rechtsakt zur Metaphylaxe aus. In Deutschland ist der Umbau der Tierhaltung ein zentrales Anliegen der neuen Bundesregierung. Im Koalitionsvertrag wurde auch eine Tiergesundheitsstrategie mit umfassender Datenbank angekündigt. Ein neues Antibiotikaminimierungskonzept ist in Arbeit und auch ein Update der Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie (DART 30) steht auf der Agenda. Verhältnismäßig kurzfristig soll laut Schick das Tierarzneimittelgesetzes (TAMG) erneut geändert werden: Der Einsatz von Antibiotika soll dann durch den Tierarzt gemeldet werden statt durch den Tierhalter. Zudem soll die Mitteilungspflicht an die Behörde nicht mehr nur für Masttiere gelten, sondern auch für Milchkühe, Sauen und Legehennen.

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