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Pferd verweigert vor Hindernis
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Pferd verweigert vor Hindernis

Interview

Vorhofflimmern beim Sportpferd

Ursache einer Leistungsschwäche könnte häufiger als gedacht eine Herzrhythmusstörung sein. Unentdeckt ist das auch ein Risiko für den Reiter.

Charlotte Hopster-Iversen ist Diplomate des European College of Equine Internal Medicine und forscht an der Universität Kopenhagen u.a. zu paroxysmalem Vorhofflimmern und Leistungsschwäche bei Sportpferden.

Glauben Sie dass der Anteil von Rennpferden mit paroxysmalem Vorhofflimmern höher ist als bisher angenommen?

Charlotte Hopster-Iversen: Ja, das glaube ich. Wir haben gerade eine laufende Studie, wo wir Implantable Loop Recorder, ILRs, bei Trabrennpferden einsetzen, um zu sehen, wie viele eigentlich paroxysmales Vorhofflimmern haben. Vom Menschen weiß man, dass der Anteil an Arrhythmien bei hoher Belastung steigt. Daher wäre der Verdacht, dass es bei Pferden auch so ist. In unserer ersten Studie mit ILRs bei Trabern mit Leistungsschwäche lag die Prävalenz bei 33 Prozent. Ganz so hoch ist der Anteil in der laufenden Studie bisher nicht. Die Frage ist aber, wie viele Arrhythmien treten nur unter Belastung auf, wo man sie mit dem ILR nicht unbedingt erfassen würde?

Es gibt Studien aus Hongkong und Australien, wo Pferde, die nicht wie erwartet leisten, direkt hinter der Ziellinie auskultiert werden. Dort werden regelmäßig Smartphone-EKGs gemacht. Diese Studien erfassen viele Arrhythmien, Vorhofflimmern und anderes.

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Leistungsschwäche und Herzerkrankungen auf der Spur: Charlotte Hopster-Iversen
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Leistungsschwäche und Herzerkrankungen auf der Spur: Charlotte Hopster-Iversen

Ist das eine Gefahr für Sicherheit der Reiter?

Hopster-Iversen: Ja. Es hängt ein bisschen davon ab, welchen Sport man reitet. Je höher die körperliche Belastung, umso größer das Risiko, weil das Herz mehr belastet wird. Dies bedeutet allerdings nicht, dass das Reiten bei einer niedrigeren Belastung, zum Beispiel bei einem Dressurpferd, ohne Risiko ist. Bei einem Vielseitigkeitspferd oder einem Hindernisrennen ist es sehr gefährlich, wenn das Pferd zum Beispiel stolpert. Und es gibt auch immer wieder Einzelberichte von Pferden, die plötzlich kollabieren und tot umfallen.

Brauchen Turnierpferde regelmäßige Herz-Check-ups?

Hopster-Iversen: Ich würde auf jeden Fall empfehlen, was schon jetzt auf den Rennplätzen in Australien oder Hongkong gemacht wird: Ein Pferd, das im Rennen nicht entsprechend der Erwartung geleistet hat oder dessen Reiter merkt, etwas stimmt nicht, sollte klinisch untersucht und auskultiert werden. Ist man nicht sicher, ob man eine Arrhythmie hört, kann ein Smartphone-EKG hilfreich sein.

Bei einigen Sportpferden wird wie bei Human­athleten die Kondition nach Herzfrequenzbereich trainiert. Viele Trainer haben Pulsgurte, die bei Trabern gut mit dem Geschirr funktionieren. Im Hochleistungsbereich haben einige auch Smartphone-EKGs oder Gurte, die neben der Herzfrequenz auch GPS-Daten und ein relativ gutes EKG aufzeichnen. Wenn dabei etwas Ungewöhnliches auffällt, sollte das Pferd untersucht werden.

Wichtig ist, das Herz abzuhören, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Permanentes Vorhofflimmern ist nicht schwierig zu diagnostizieren. Letztes Jahr hatte ich mindestens drei Fälle, bei denen bereits alle möglichen Untersuchungen gemacht wurden und niemand hatte das Herz abgehört. Das ist ärgerlich, denn bei früher Diagnose hat eine Behandlung bessere Aussichten auf Erfolg.

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Bei welchen Pferden mit Vorhofflimmern raten Sie zur Therapie?

Hopster-Iversen: Ich würde eigentlich sagen: bei jedem. Denn es wird schwieriger, Vorhofflimmern zu therapieren, je länger die Pferde es haben, weil das Herz sich ummodelliert.

Bei Pferden, die nicht viel leisten, werde ich oft gefragt: Kann ich den nicht einfach im Schritt reiten? Ein Pferd mit Vorhofflimmern hat eine Frequenz von 300–400 Impulsen pro Minute im Vorhof. Pferde haben einen hohen Vagustonus, der AV-Knoten wirkt als eine Bremse und es wird nur wenig Erregung übergeleitet. Daher ist das Pferd in Ruhe zwar arrhythmisch, hat aber einen normalen Herzfrequenzbereich und zeigt meistens keine Symptome. Ich habe aber auch erlebt, dass ein Pferd mit Vorhofflimmern sich zum Beispiel beim Spazierengehen erschrickt und plötzlich eine Herzfrequenz von 200 oder 240 hat. Das kann beim Reiten auch passieren. Das ist nicht bei jedem Pferd mit Vorhofflimmern der Fall, aber der Reiter muss wissen, was für ein Risiko er eingeht. Wenn diese Pferde geritten werden, dann am besten mit einer Pulsuhr. Der Reiter muss ein informierter Erwachsener sein. Grundsätzlich würde ich aber bei jedem Reitpferd eine Therapie empfehlen.

Kardioversion macht allerdings keinen Sinn, wenn das Herz schon massiv vergrößert ist oder bei einer Kardiomyopathie. Fast jedes Pferd bekommt man aus dem Vorhofflimmern in den Sinusrhythmus, die Arrhythmie kommt bei diesen Pferden aber mit hoher Wahrscheinlichkeit sofort wieder.

Welche Konsequenzen hat die Diagnose kurzer Episoden von Vorhofflimmern?

Hopster-Iversen: Die Frage ist immer, ob es eine zugrunde liegende Ursache gibt, zum Beispiel Herz­klappenerkrankung, Atemwegserkrankung, Elek­trolytstörung. Ich würde auskultieren, ein Langzeit- und ein Arbeits-EKG schreiben, einen Herzultraschall sowie ggf. ein Blutbild machen. Wir nehmen manchmal ultraschallgesteuerte Endokardbiopsien, um einzuschätzen, wie viel Fibrose es im Herzen gibt – das ist aber eher forschungsrelevant. Bei einzelnen Arrhythmien sind 3-D-gesteuertes Mapping und Katheterablation wie in der Humanmedizin indiziert, dies ist momentan aber leider nur sehr begrenzt möglich und teuer.

Aber selbst wenn eine Therapie nicht möglich ist, weiß man durch die Diagnose, warum ein Pferd nicht richtig leistet – man muss keine anderen Ursachen für die Leistungsschwäche mehr suchen.

Zudem muss man abwägen, ob man trotz Vorhof­flimmern züchtet. Bei Vorhofflimmern ohne primäre Ursache kann das eine Möglichkeit sein. Es macht aber keinen Sinn, mit einer Stute zu züchten, deren Herz schon deutlich vergrößert ist, denn auch die Trächtigkeit ist eine große Belastung und es besteht die Gefahr einer dekompensierten Herzerkrankung.

Sollten Pferde mit Vorhofflimmern nicht mehr auf der Rennbahn starten?

Hopster-Iversen: Das ist nicht ganz einfach zu beantworten und hängt davon ab, ob das Vorhof­flimmern permanent oder paroxysmal ist. In Australien zum Beispiel wird ein Pferd bei der dritten Episode von Vorhofflimmern lebenslang gesperrt, bei den ersten beiden gibt es noch eine Zeitsperre. Meines Wissens gibt es in Europa keine vergleichbaren Regeln. Es ist eine Risikoabwägung: Wenn Vorhofflimmern unter Belastung einsetzt, ist es immer möglich, dass das Pferd irgendwann damit kollabiert. Plötzlicher Herztod bei Rennpferden ist für das Pferd fatal, für den Reiter gefährlich und auch eine schlechte Werbung für den Sport. Es ist schwierig zu sagen, wie viele der Pferde, die plötzlich kollabieren, eine Arrhythmie hatten. Das Vorhofflimmern selbst kann man bei einer Obduktion ja nicht sehen, sondern nur in manchen Fällen auslösende Faktoren wie Fibrosierung oder Herzvergrößerung.

Das Risiko für ein Rezidiv nach elektrischer Kardioversion versucht man medikamentös zu verringern mit dem Antiarrhythmikum Solatol – das ist aber Doping, ein Turnier ist dann nicht möglich. Insgesamt wissen wir noch zu wenig darüber, warum manche Pferde mehrfach Vorhofflimmern bekommen und andere nicht. Die AFR-Analyse verrät uns etwas über das Rezidivrisiko, aber letztlich weiß man es nicht, bevor man es ausprobiert. Es sollte einem immer bewusst sein, dass die Arrhythmie wiederkommen kann.

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