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Der Praktische Tierarzt

Überprüfung der Ration eines Minischweins mit Zystitis

Assessment of the ration fed to a minipig with cystitis

Der Praktische Tierarzt 102, 399-407

DOI: 10.2376/0032-681X-2117

Publiziert: 04/2021

Zusammenfassung

Der Besitzer eines zwei Jahre alten, männlich kastrierten Minischweins bat um eine Futteranalyse aufgrund von anhaltenden Harnabsatzbeschwerden bei seinem Tier. Das Minischwein zeigte eine zögerliche Futteraufnahme und Anzeichen einer Zystitis mit langsam tröpfelndem Harnabsatz unter starken Schmerzen und Pressen auf Harn. Ein zweites, ebenfalls männlich kastriertes Minischwein zeigte bei identischem Futterangebot keine klinischen Symptome. Die trockenchemische Laboruntersuchung einer Harnprobe des erkrankten Tieres ergab einen pH-Wert von 9 und eine Proteinurie. Die mikroskopische Untersuchung des Harnsediments bestätigte eine jeweils hochgradige Bakteriurie und Hämaturie, während eine kulturelle Untersuchung des Harns nicht veranlasst wurde. Außerdem ließen sich Struvitkristalle nachweisen, makroskopisch sichtbare Konkremente waren nicht vorhanden. Daraufhin wurde von der Haustierarztpraxis eine antibiotische Behandlung verordnet, durch die sich das Allgemeinbefinden des Minischweins verbesserte. Die Ration bestand vor der Behandlung zu zwei Dritteln aus einem in Wasser eingeweichten Schrot für niedertragende Sauen, dessen Zusammensetzung unbekannt war, und zu einem Drittel aus Haferflocken. Außerdem erhielten die Tiere Obst und Gemüse. Bei der chemischen Analyse des Futters für Sauen fiel eine hohe Kationen-Anionen-Bilanz (KAB) von 1.121 mmol/kg Trockenmasse (TM) auf. Die Annahme einer alleinigen Fütterung dieses Futters führte zu einem geschätzten Harn-pH von 13,4 und in Kombination mit Haferflocken im Verhältnis 2:1 zu einem pH von 9,9. Der gemessene Harn-pH-Wert von 9 resultierte daher vermutlich aus der hohen KAB und erleichterte womöglich die Bildung von Kristallen im Harn. Da auch kleine Kristalle die Blasenmukosa schädigen können, könnte dies das Minischwein für eine Zystitis prädisponiert haben. Die Struvitkristalle bildeten sich vermutlich infolge der metabolischen Aktivität ureasepositiver Bakterien. Weder kann ausgeschlossen werden, dass die Struvitkristalle zunächst bereits aufgrund des hohen pH-Werts ausfielen, noch dass die Ureaseaktivität selbst zur Alkalisierung des Harns beitrug. Bereits während der antibiotischen Behandlung ersetzte der Besitzer das Futter für Sauen durch ein kommerzielles „Müsli“ bzw. Mischfutter für Minischweine, welches eine niedrigere KAB aufwies sowie ansäuernd wirkende Bestandteile und Futtermittelzusatzstoffe enthielt. Nach Behandlungsende wies der Harn einen pH-Wert von 7 auf und das Minischwein zeigte keine klinischen Symptome einer Zystitis mehr. Der Fall wurde über einen Zeitraum von fünf Monaten nach der Behandlung weiterverfolgt. In dieser Zeit wurde kein Rezidiv beobachtet.

Harn-pH
Kationen-Anionen-Bilanz
Struvit
Urolithiasis
Zystitis

Summary

The owner of a two-year old, male castrated minipig asked for a feed analysis due to persisting urinary problems. The minipig showed hesitant feed intake and signs of cystitis with slow, dribbling urination under severe pain and pressing for urine. A second, also male castrated mini-pig offered the same diet showed no clinical symptoms. The chemical laboratory analysis of a urine sample of the diseased animal revealed a pH of 9 and proteinuria. Microscopic examination of the urinary sediment confirmed high-grade bacteriuria and haematuria, respectively, whereas no urinary culture test was initiated. Moreover, struvite crystals were detected but there were no macroscopically visible concrements. Thereupon the veterinarian prescribed an antibiotic treatment, which led to an improvement of the minipig’s general condition. Prior to this treatment, the diet consisted to two third of a water-soaked non-pelleted compound feed for pregnant sows with unknown composition and to one third of oat flakes. In addition, the animals received fruits and vegetables. Chemical analysis of the feed for sows revealed a high cation-anion balance (CAB) of 1,121 mmol/kg dry matter (DM). Assuming that this was the only feed given led to estimates of urinary pH of 13.4 and to 9.9 in the combination with oat flakes in a ratio of 2:1. The measured urinary pH of 9 therefore likely resulted from the high CAB and probably made formation of urinary crystals easier. Because even small crystals may be harmful to the bladder’s mucosa, this may have predisposed the minipig for cystitis. The struvite crystals were formed likely due to the metabolic activity of urease-positive bacteria. Nevertheless, it can neither be excluded that the struvite crystals already precipitated due to the high urinary pH, nor that the urease activity itself contributed to the alkalisation of the urine. Already during the antibiotic treatment the owner replaced the compound feed for sows by a commercial compound feed for minipigs, which had a lower CAB as well as contained acidifying compounds and feed additives. When the medical treatment had been finished urinary pH amounted 7 and the minipig showed no more clinical signs of cystitis. The case has been followed up for five months after the end of the treatment. During this time period there has been no recurrence of cystitis.
 

urinary pH
cation anion balance
struvite
urolithiasis
cystitis

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