Pferd und Fohlen vor Kutsche

Projekte im Ausland

Tierärztliche Hilfe in Ostrumänien: "Kein Blümchen-Tierschutz"

Pferde auf die Weide, Hunde von der Kette und Kinder in die Schule − dafür setzt sich das Tierschutzprojekt Equiwent in Rumänien ein.

Ost-Rumänien: Drei Kühe und ein Pferd stehen zusammengepfercht in einem engen Verschlag. Es ist dunkel und stickig, die Schimmelpilze sprießen. Equiwent ist vor Ort. Die Schmiede und Tierärzte der internationalen Hilfsorganisation wurden gerufen, das Pferd ist krank und stocklahm. Hufschmied und Projektgründer Markus Raabe macht sich ein Bild. „Du musst das Tier auf die Wiese stellen, raus aus diesem Verschlag“, sagt er zum Besitzer. Dieser ist uneinsichtig. Kein Platz, kein Zaun, keine Lust? Raabe bleibt konsequent: Wenn sich die Tierhaltung nicht verbessert, gibt es auch keine Hilfe. Am nächsten Tag steht das Pferd plötzlich in der Klinik. Sein Besitzer will nun einen Auslauf abstecken. Die Einsicht und Mühe des Rumänen werden belohnt: Das Pferd erhält nun eine Behandlung.

Hilfe zur Selbsthilfe − das ist Equiwent. Kein Export kranker Tiere raus aus Rumänien, sondern Hilfe vor Ort leisten, um nachhaltige Verbesserungen anzustoßen. Das 2008 gegründete und 2013 mit dem Deutschen Tierschutzpreis ausgezeichnete Hilfsprojekt, das Arbeitspferde in den Regionen Iasi und Suceava medizinisch sowie orthopädisch versorgt und Straßenhunde kastriert, möchte in den Köpfen der Rumänen eine Mentalitätsänderung in Gang bringen. „Die Einheimischen müssen lernen, dass Tiere Lebewesen sind und keine Maschinen“, sagt auch Pferdetierarzt Carsten Vogt, der online auf Equiwent aufmerksam wurde und die Tierärzte vor Ort seither finanziell sowie mit Zahn-Equipment unterstützt.

Für Aufklärung und Hilfe sorgen neben der 2015 gegründetem Non-Profit-Tierklinik derzeit drei mobile Tierarztpraxen sowie zwei mobile Hufschmiede. Um die Motivation der Tierhalter zu erhöhen, wird mit einer Art „Belohnungssystem“ gearbeitet: Lernwillige Pferdehalter, die ihre Tiere regelmäßig vorstellen, erhalten kostenfreie Impfungen, Wurmkuren, Halfter und europäische Beschläge für ihre Tiere. „So etwas spricht sich rum“, weiß Raabe, der regelmäßig für ein paar Monate in Rumänien vor Ort ist.

Gettos menschlicher Armut

Obwohl Rumänien zur Europäischen Union gehört, herrschen im Land Zustände, die sich ein deutscher Tierarzt kaum vorstellen kann. „Meinen Besuch musste ich erst einmal verdauen“, erzählt Carsten Vogt, der Raabe 2018 das erste Mal nach Rumänien begleitete und in diesem Jahr zurückkehren will. Gerade die Landbevölkerung ist arm und viele Menschen leben in Gettos, in denen es zum Teil noch nicht mal fließendes Wasser gibt. Kinder haben keine saubere Kleidung und gehen nicht zur Schule, aus Scham oder weil schlichtweg die Infrastruktur fehlt. Ein Kernproblem ist zudem die fehlgeschlagene soziale und kulturelle Integration der Roma und Sinti in die breite rumänische Bevölkerung. Allgemein herrscht Unwissenheit darüber, was artgerechte Tierhaltung ist und welche Bedürfnisse Pferde haben. Dabei sind die Einheimischen existenziell auf ihre Tiere angewiesen: So begleiten die Pferde Landarbeiter beim Holzholen, wofür sie weite Strecken auf schlechten Wegen zurücklegen müssen. „Diese Pferde brauchen gute Schuhe“, so Vogt. Stattdessen laufen die Arbeitstiere häufig auf selbst geschusterten Eisen und tragen improvisierte Geschirre. Zum Teil bestehen diese aus Ketten und Drähten, die den Pferden lange Zeit nicht abgenommen werden und sogar einwachsen. Neben Verletzungen der Mäuler sind auch Wunden an den Gliedmaßen weitverbreitet. „Die Pferde sind ja auch nicht kastriert“, erzählt Vogt. „Auf Märkten kommt es aus diesem Grund immer wieder zu Tretereien unter Hengsten, die sich dann große Verletzungen an den Beinen zuziehen. Einen zugelassenen Tetanusimpfstoff gibt es meines Wissens nicht“, so Vogt. Häufig traute der Ottersberger Tierarzt seinen Augen kaum. „Da lief es mir schon manchmal kalt den Rücken runter“, erinnert er sich.

Weiter aufklären

Pferdemedizin ist unter den einheimischen Tierärzten im Übrigen sehr unbeliebt. Pferde gelten als Tiere der „untersten Schublade“. Wer sie behandelt, hat mit dem ärmsten Klientel zu tun. Das Problem dabei: Einheimischen Tierärzten fehlt bereits bei einfachen Basiseingriffen das Know-how. Equiwent sorgt auch hier für Aufklärung und Fortbildung. Carsten Vogt möchte bei seinem nächsten Besuch Übungen anbieten.

Schmiede ohne Grenzen

Neben dem gemeinnützigen Verein „Equiwent Hilfe: Mensch & Tier e. V.“ hat Markus Raabe als zweites das Projekt „Schmiede ohne Grenzen“ ins Leben gerufen. Dieses leistet humanitäre Hilfe und unterstützt über den Tierschutz hinaus auch Familien in Not. Finanzielle sowie Sachspenden werden unter anderem für Operationen hilfsbedürftiger Menschen, Medikamente für Menschen, Brillen für Kinder, Prothesen, Rollstühle und Gehhilfen, Bargeld für Arzt- oder Krankenhausbesuche und vieles mehr eingesetzt.

Alle Infos und viele Videos finden Sie bei Equiwent. Hier gibt es auch eine sehenswerte Reportage.