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Hinterhandlähmungen in einer Sauenherde, hervorgerufen durch eine Organophosphat-Vergiftung

Der Praktische Tierarzt 84, 456-466

Publiziert: 06/2003

Zusammenfassung

In einem Ferkelerzeugerbetrieb mit 270 Sauen tratenplötzlich vermehrt Nachhandlähmungen bei den Sauenauf. Die Erkrankungen nahmen einen progressiven Verlauf,in dem betroffene Schweine kurzzeitig Fressunlustzeigten und später Ataxien sowie Paresen entwickelten.Während sich die Futteraufnahme wieder normalisierte,schritten die Lähmungserscheinungen fort, die Sauenzeigten eine hundesitzige Stellung und konnten auch mitHilfe nicht mehr stehen. Die Oberflächensensibilität blieberhalten. Hauptbefund bei der Sektion von drei Sauen warendegenerative Veränderungen in der weißen Substanzdes Rückenmarkes. Histologisch lagen im Hals-, Thorakal-und Lumbalmark bilateral symmetrische Demyelinisierungenin dorso-lateralen Leitungsbahnen vor, diedurch eine Dilatation von Myelinscheiden mit Axonschwellungenund Infiltration von Myelinophagen gekennzeichnetwaren. Bei einer Sau konnten auch Degenerationeneinzelner Neuronen im kaudalen Hirnstammbeobachtet werden. Virologische Untersuchungen aufKlassische Schweinepest, M. Aujeszky und Teschovirenverliefen negativ. Da nur laktierende Sauen erkrankten,die eine bestimmte Futtermischung aus einem separatenSilo erhalten hatten, konzentrierten sich weitere Untersuchungenauf das Futter. Dabei konnte in der verdächtigenRation neben einem erhöhten Kalzium-Gehalt das OrganophosphatIsofenphos mit einem Gehalt von 2,01 mg/kgFutter gefunden werden. Als Quelle wurden Rapssamen,die mit Isofenphos gebeizt worden waren, im Futter ausgemacht.Neben akuten Intoxikationen können Organophosphate,wie in diesem Fall auch zu einer verzögertenNeurotoxizität mit dem beschriebenen klinischen Bildführen. Obwohl die festgestellte Isofenphos-Konzentrationim Futter als relativ gering anzusehen ist, kann in diesemFall von einer entsprechenden Vergiftung ausgegangenwerden, da zum Untersuchungszeitpunkt der Restder ursprünglich kontaminierten Charge schon mit einerneuen Futtermischung im Silo vermischt worden war. DieAusgangswerte konnten auf etwa 56 mg Isofenphos/kgFutter geschätzt werden. Dies entspricht einer täglichenDosis von ca. 1,7 mg/kg KGW für die laktierenden Sauen.Symptome der Neuropathie bei betroffenen Tierenwaren etwa drei bis vier Wochen nach erster Aufnahmekontaminierten Futters aufgetreten. Insgesamt erkranktenin der Herde 40 Sauen unter der Symptomatik einerverzögerten Neurotoxizität nach Isofenphos-Aufnahmeund mussten aufgrund der irreversiblen Schäden euthanasiertwerden.

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