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Foto: Katrin Antes

Der Praktische Tierarzt

Helles Ammoniumbituminosulfonat (helles sulfoniertes Schieferöl) für die Wundbehandlung: Profil eines multifunktionalen Wirkstoffs

Der Praktische Tierarzt 102, 272–278

DOI: 10.2376/0032-681X-2111

Publiziert: 03/2021

Zusammenfassung

Helles Ammoniumbituminosulfonat (helles sulfoniertes Schieferöl) ist ein sehr effektiver Wirkstoff für die Wundbehandlung, der eine Vielzahl von wundheilungsfördernden Eigenschaften vereint. Wundgele mit diesem Wirkstoff fördern die Reparatur und Regeneration des verletzten Gewebes und sind zudem antiseptisch, antiphlogistisch, analgetisch und juckreizstillend. Sie können in allen Phasen der Wundheilung eingesetzt werden und eignen sich für die Behandlung von unterschiedlichsten Wundtypen.

Einleitung

In der Humanmedizin liegen bereits seit Jahrzehnten überzeugende klinische Erfahrungen mit hellem sulfoniertem Schieferöl, wie hellem Ammoniumbituminosulfonat, vor (Jellinger 2002) und auch in der Tiermedizin ist der erfolgreiche Einsatz gut dokumentiert (Martens und Gayko 2002, Pötz 2015, Schwenzer und Gayko 2003, Schwenzer et al. 2009, Widmer 1937). Zubereitungen mit diesem Wirkstoff haben sich in praxi als ausgeprägt wundheilungsfördernd erwiesen (Jellinger 2002). Es konnte gezeigt werden, dass helles sulfoniertes Schieferöl nicht nur proliferationssteigernd wirkt, sondern auch antiseptisch, antiphlogistisch, analgetisch und juckreizstillend (Czarnetzki 1986, Diezel et al. 1992, Jellinger 2002, Kietzmann et al. 1995, Korting et al. 2010, Listemann et al. 1993, Martens und Gayko 2002, Otten 2005, Schewe et al. 1994, Staubach und Melhorn 2017, Warnecke und Wendt 1998, Warnecke et al. 2001b). Durch dieses multifunktionale Profil ist der Wirkstoff besonders für das Wundmanagement prädestiniert.

Maßnahmen zur Unterstützung der Wundheilung

Um die optimale Grundlage für einen raschen Wundverschluss zu schaffen und Wundheilungsstörungen zu vermeiden, wird heute allgemein für die sekundäre Wundheilung die Kombination folgender Maßnahmen empfohlen: Wundreinigung mit Débridement, Infektions- und Entzündungskontrolle, Einsatz einer geeigneten Wundabdeckung und Gewährleistung eines feuchten Wundmilieus (Ließ und Stegen 2018). Die frühere Meinung, dass trockene Wunden unter Schorfbildung besser heilen, ist mittlerweile durch zahlreiche Untersuchungen widerlegt. Der Arzt George D. Winter zeigte bereits in einer Veröffentlichung in Nature aus dem Jahr 1962, dass trockener Schorf vielmehr die Wundheilung stört, indem er zum einen die Migration der Zellen behindert und zum anderen das Infektionsrisiko erhöht (Winter 1962). Des Weiteren führt Schorf zu Spannungsgefühlen, gesteigertem Juckreiz und einer ausgeprägten Narbenbildung. Narben sind nicht nur kosmetisch ein unerwünschtes Ergebnis, auch funktionell kann Narbengewebe einschränken, wenn es beispielsweise über Gelenken die Beweglichkeit behindert (Vanscheidt 2010).

Heute gilt es als erwiesen, dass die feuchte Wundheilung das Prinzip der Wahl im Rahmen einer sekundären Wundheilung darstellt. Sie schafft ein Milieu für die Zellen, das dem physiologischen Umfeld am nächsten kommt. Besonders geeignet hierfür sind Hydrogele, welche als Auflage, imprägnierte Wundgaze sowie als Gelformulierung verfügbar sind (Francesko et al. 2018, Vanscheidt 2010). Neben der Regulation von Feuchtigkeit dienen sie auch als Barriere gegen Mikroorganismen sowie als Schutz vor mechanischen und thermischen Umweltreizen. Neue Gewebezellen werden schneller gebildet, die Funktion der Immunzellen sowie die Freisetzung und Verteilung von Wachstumsfaktoren gefördert (Dyson et al. 1992, Vanscheidt 2010). Bei stark exsudativen Wunden kann eine ausgleichende (hydroaktive) Wundauflage überschüssige Flüssigkeiten binden, ohne das Gewebe auszutrocknen. Insbesondere chronisches Exsudat weist eine hohe Konzentration an Proteasen auf, welche zur Degradation von Strukturproteinen führen und Wachstumsfaktoren deaktivieren (McCarty und Percival 2013). Hydrogele bilden zudem eine sehr gute galenische Grundlage für Wirkstoffe, welche die Wundheilung effektiv unterstützen können (Francesko et al. 2018). So kommt derzeit in zwei zugelassenen Arzneimitteln helles sulfoniertes Schieferöl zum Einsatz: in Wedederm® Wundsalbe (WDT), die Anwendung in der Tiermedizin findet, sowie in Leukichtan® Gel (Ichthyol-Gesellschaft) als Pendant für die Humanmedizin. Beide Hydrogele weisen einen Wirkstoffgehalt von 10 % auf.

Helles sulfoniertes Schieferöl – Eigenschaften

Proliferationsfördernd

Zahlreiche Studien und Fallberichte konnte die Verbesserung von Granulation und Epithelisierung durch helles sulfoniertes Schieferöl belegen (Jellinger 2002, Kietzmann und Braun 2005b, Kietzmann et al. 1995, Kulenkamp et al. 2001, Warnecke et al. 2001b). In vitro ließ sich nachweisen, dass die Stimulation humaner Keratinozyten mit hellem Schieferöl (in einer Verdünnung von 1:100.000) im Vergleich zur Kontrolle ohne Wirkstoff die Proliferationsrate um etwa 20 % erhöht. Auch die Expression des Wundheilungsfaktors PDGF-AB wurde durch die Stimulation der Keratinozyten mit hellem Schieferöl (Verdünnung 1:50.000) gesteigert, was ebenfalls auf einen deutlichen proliferationsfördernden Effekt durch den Wirkstoff hinweist (Jellinger 2002, Warnecke et al. 2001b).

Antimikrobiell

Helles sulfoniertes Schieferöl zeigte in Keimbelastungstests mit wundrelevanten Bakterien ein breites Wirkspektrum gegenüber grampositiven (u. a. Staphylococcus aureus, Staphylococcus pyogenes, Streptococcus equi) und gramnegativen Keimen (Pseudomonas aeruginosa, Escherichia coli) (Becker 2008, Böhm 2008, Chlond 2018, Gayko et al. 2000, Martens und Gayko 2002, Otten 2005). Von besonderer klinischer Relevanz ist hierbei, dass sich unter den Testkeimen auch ein Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA) befand. MRSA sind als Wundinfektionserreger bei verschiedenen Tierarten beschrieben und werden zunehmend häufig im Probenmaterial diagnostiziert (Walther et al. 2008). Bereits 24 Stunden nach Applikation der Wedederm® Wundsalbe konnte in keinem der Versuchsansätze eine Re-Isolation der eingebrachten Keime erreicht werden (Böhm 2008). Eine Untersuchung an Patienten mit oberflächlichen und tiefen Hautläsionen zeigte, dass die antibakterielle Wirksamkeit eines Schieferöl-haltigen Hydrogels und einer PVP-Iod-haltigen Salbe vergleichbar ist. Die Kontrolle von Wundinfektionen gelang in dieser Untersuchung mit hellem sulfoniertem Schieferöl bis zum Zeitpunkt »Tag zehn bis zwölf« vollständig (11 von 11 Patienten) und damit sogar besser als mit PVP-Iod (9 von 11 Patienten) (Jellinger 2002, Kulenkamp et al. 2001). Zudem zeigten die mit dem Schieferöl-haltigen Hydrogel behandelten Patienten eine um ca. 20 % bessere Granulation und Epithelisierung (Jellinger 2002, Kulenkamp et al. 2001). Ebenfalls konnte gezeigt werden, dass helles sulfoniertes Schieferöl eine antimykotische Wirkung gegenüber Candida albicans und verschiedenen Trichophyton- sowie Microsporum-Arten hat (Böhm 2008, Gayko et al. 2000, Listemann et al. 1993).

Antiphlogistisch

Ammoniumbituminosulfonat greift auf verschiedene Wege in entzündliche Prozesse im Organismus ein. Es hemmt die Aktivität der Enzyme Cyclooxygenase sowie der Lipoxygenase und vermindert so die Freisetzung der entzündungsfördernden Prosta­glandine und Leukotriene (Diezel et al. 1992, Schewe et al. 1994). Zudem vermindert Ammoniumbituminosulfonat die Freisetzung von Sauerstoffradikalen aus Makrophagen, was ebenfalls zu der entzündungshemmenden Wirkung beiträgt (Rabe et al. 1994). Doch nicht nur in vitro konnte der Einfluss auf das Entzündungsgeschehen gezeigt werden, auch in vivo wurde die entzündungshemmende Wirkung bei Mensch und Tier nachgewiesen (Korting et al. 2010, Martens und Gayko 2002, Widmer 1937).

Analgetisch

Prostaglandine sind nicht nur am Entzündungsgeschehen beteiligt, sondern auch wichtige körpereigene Schmerzbotenstoffe. Durch die Hemmung der Cyclooxygenase kommt es somit auch zu einem schmerzlindernden Effekt durch helles sulfoniertes Schieferöl. Beim Einsatz von Präparaten in Gelformulierung werden, bedingt durch die galenischen Eigenschaften, die Nervenenden im Wundgebiet abgedeckt und es entsteht ein ausgeprägter kühlender Effekt, wodurch sich ebenfalls Schmerzreize minimieren lassen (Vanscheidt 2010, Warnecke et al. 2001a).

Sicherheitsprofil

Ammoniumbituminosulfonat hat eine sehr große therapeutische Breite (Melhorn und Staubach 2019). Sulfonierte Schieferöle weisen weder kanzerogene, mutagene oder teratogene Eigenschaften auf noch sensibilisierende, photosensibilisierende oder phototoxische Wirkungen (Melhorn und Staubach 2019). Sowohl bei kurzzeitiger als auch bei lang andauernder Verabreichung sind Präparate auf Basis heller sulfonierter Schieferöle sehr gut verträglich (Martens und Gayko 2002, Schwenzer und Gayko 2003, Schwenzer et al. 2009, Widmer 1937).

Ammoniumbituminosulfonat ist Anhang II der Rückstandshöchstmengenverordnung zugeordnet. Das zugelassene Veterinärpräparat Wedederm® Wundsalbe hat damit keine Wartezeit auf Milch oder essbare Gewebe. Der Wirkstoff ist nach der aktuellen Fassung (2018) der Rechtsordnung der Leistungsprüfungsordnung (LPO) der Deutschen Reiterlichen Vereinigung e. V. (FN) ADMR-konform (Anti-Doping- und Medikamentenkontroll-Regeln).

Vielseitig

Das Ziel der Wundbehandlung ist die Wiederherstellung der Gewebeintegrität inklusive der Haut. Die Wunde soll sich nicht infizieren bzw. eine bereits vorhandene Wundinfektion erfolgreich bekämpft werden. Neben einer möglichst schnellen Heilung wird ein gutes kosmetisches und funktionelles Ergebnis erwartet. So soll das neu gebildete Gewebe eine hohe mechanische Festigkeit besitzen, ohne dabei die Beweglichkeit des verletzten Körperteils zu beeinträchtigen. Das in diesem Zusammenhang häufig geforderte »ideale Wundtherapeutikum« sollte daher antibakteriell wirken, die Granulation stimulieren, ohne dabei eine hyperplastische Granulation auszulösen, und sowohl die Wundkontraktion wie auch die Epithelisierung fördern (Southwood und Baxter 1996). Ein Hydrogel mit hellem Ammoniumbituminosulfonat vereint diese gewünschten Eigenschaften. Der charakteristische Eigengeschmack und -geruch des Wirkstoffs reduzieren zudem das Risiko des Ableckens durch den Patienten und entsprechende Präparate zeigen einen mild repellenten Effekt. Hydrogel-Präparate mit hellem Ammoniumbituminosulfonat können in allen Stadien/Phasen der Wundheilung, bei blutenden wie infizierten, trockenen wie feuchten sowie bei oberflächlichen bis tiefen Wunden angewandt werden und eignen sich sogar als Wundfüller. Aufgrund der galenischen Formulierung passen sich Hydrogele verschiedenen Wundformen an und eignen sich daher auch zur Versorgung stark bewegter Körperstellen. Das erleichtert in vielen Fällen das tiermedizinische Wundmanagement, da auch dann eine gute Heilung erzielt werden kann, wenn eine Wundabdeckung durch einen Verband nicht möglich ist (Mischner 2009, Pötz 2015, Schwenzer et al. 2009).

Der Wirkstoff im Vergleich

Vorteile gegenüber der Anwendung lokaler Antibiotika

Behandlungen von oberflächlichen Wundinfektionen mit lokalen Antibiotika werden wegen der erhöhten Resistenzgefahr sowie fehlenden Wirksamkeit in tieferen Gewebeschichten als problematisch angesehen (Kühn et al. 2017). Der topische Einsatz von Antibiotika kann außerdem zu einer Verzögerung der Wundheilung führen. Im Rahmen der Wundbehandlung sollten Antibiotika daher nicht lokal, sondern allenfalls systemisch eingesetzt werden (Kietzmann und Braun 2005a). Für sulfonierte Schieferöle ist bisher keine Resistenzbildung bekannt (Martens und Gayko 2002). Zudem entfallen bei der Anwendung von hellen sulfonierten Schieferölen Beschränkungen und Wartezeiten, die sich im Gegensatz dazu aus der Anwendung lokaler Antibiotika oder Antimykotika bei lebensmittelliefernden Tieren ergeben (Martens und Gayko 2002).

Abgrenzung zu Teerprodukten

Die sulfonierten Schieferöle müssen klar von den Teerprodukten getrennt werden. Zwar besitzen sie einen ähnlichen charakteristischen Geruch und ein verwandtes Wirkungsspektrum, jedoch unterschieden sich diese Stoffgruppen hinsichtlich der chemischen Zusammensetzung und der völlig unterschiedlichen pharmakologisch-toxikologischen Beurteilung grundlegend. Im Gegensatz zur Teerproduktion, die bei Temperaturen bis weit über 1.000 °C abläuft und somit die Bildung polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoffe (engl. PAH) begünstigt, geht die schonende Darstellung von hellen sulfonierten Schieferölen mit kaum nachweisbaren Spuren von PAH einher, sodass der Stoff toxikologisch unbedenklich ist (Melhorn und Staubach 2019).

Anwendungsberichte aus der Tiermedizin

Wundheilung

Die erfolgreiche Wundbehandlung mit hellem sulfoniertem Schieferöl bei Hunden und Katzen ist bereits seit 1937 dokumentiert (Widmer 1937). Eiternde Bisswunden, Unfall- und Krallenverletzungen konnten erfolgreich mit hellem sulfoniertem Schieferöl in einer lebertranhaltigen Salbengrundlage zur Abheilung gebracht werden (Widmer 1937). Auch jüngere Fallberichte, in denen moderne Gel-Präparate auf Basis von hellem Ammoniumbituminosulfonat eingesetzt wurden, zeigen eindrucksvolle Ergebnisse (Böer 2006, Erlewein 2008, Pötz 2015). In dem Fallbericht von Mischner (2009) und dem anekdotischen Fallbericht von Pötz (2015) heilten die schweren Bissverletzungen bei Jagdhunden nach Behandlung mit einem Hydrogel mit hellem Ammoniumbituminosulfonat jeweils komplikationslos ab. Dabei wurde sowohl funktionell wie auch kosmetisch ein sehr gutes Abheilungsergebnis erzielt (Mischner 2009, Pötz 2015). Ebenfalls beeindruckend ist der Anwendungsbericht von Erlewein (2008): Die großflächige, nekrotische Wunde im Bereich des Perianalgewebes eines verunfallten Katers zeigte nach Behandlung mit einem Ammoniumbituminosulfonat-haltigen Hydrogel bereits nach wenigen Tagen gleichmäßiges Granulationsgewebe. Nach sechs Wochen war nur noch eine kleine verkrustete Stelle zu erkennen und die Haare begannen nachzuwachsen (Erlewein 2008). Klinische Erfahrungsberichte bei Pferden belegen ebenfalls die guten Erfolge des Wirkstoffs bei der Behandlung von Wunden unterschiedlicher Ausdehnung und Lokalisation. In der Feldstudie von Schwenzer und Gayko (2003) wurden bei sieben von acht untersuchten Pferden mit großflächigen Verletzungen an der distalen Gliedmaße »gute« oder »sehr gute« Behandlungserfolge erzielt. Lediglich bei einem Pferd mit einer Wunde von 20 x 20 cm am Röhrbein kam der behandelnde Tierarzt abschließend zu einem nur »befriedigenden« Gesamturteil, was von den Autoren in Anbetracht der Größe und Lokalisation der Verletzung immer noch als sehr zufriedenstellend bewertet wurde. Auch bei großen Wunden im Rumpfbereich fiel das tierärztliche Fazit »gut« bis »sehr gut« aus. Sie waren in allen Fällen nach spätestens vier Wochen mit kosmetisch ansprechendem Ergebnis ausgeheilt. Bei Pferden mit kleineren Wunden bis 4 cm und Schürfwunden mit Substanzverlust in die tieferen Hautschichten konnte bei sieben von acht Pferden ein »sehr gutes« Heilungsergebnis erzielt werden, und das in der Mehrheit schon nach einer Woche. Beim verbleibenden achten Pferd wurde der Behandlungserfolg mit »gut bis sehr gut« beurteilt. Wundheilungsstörungen sind ein bekanntes Problem bei Pferden, vor allem an exponierten Stellen, wie im Bereich von Gelenken und an der distalen Gliedmaße (Jacobs et al. 1984). In der Untersuchung von Schwenzer und Gayko (2003) traten nur bei drei von 22 Pferden leichte Fälle von Hypergranulation auf und allein bei einem Tier eine schwere Form. Die gleichzeitige Förderung der Epithelisierung durch helles Ammoniumbituminosulfonat wirkt vermutlich einer Hypergranulation entgegen.
Auch als Teil eines multimodalen Wundbehandlungskonzepts können helles Ammoniumbituminosulfonat enthaltende Hydrogele sehr gut eingesetzt werden. Ein anekdotischer Fallbericht beschreibt den erfolgreichen Einsatz eines solchen Hydrogels in Kombination mit einer »Laserdusche« (Light Amplification by Stimulated Emission of Radiation-Behandlung) und systemischer Schmerz- und Entzündungshemmung durch Meloxicam. In diesem Fall wurde eine großflächige Verletzung der Zehe mit Substanzverlust (siehe Abb. 1) über zehn Wochen mit Wedederm® Wundsalbe behandelt. Die Verletzung wurde mit einer Schaumwundauflage sowie einem Verband abgedeckt und das Wundtherapeutikum bei jedem Verbandswechsel (alle drei Tage) erneut aufgetragen (siehe Abb. 2, 3 und 4) zeigen den Zustand der Wunde nach 39, 50 bzw. 84 Tagen).

Dermatitiden und Ekzeme

Die Behandlung von hochgradigen Ekzemen und Hautfaltendermatitis (Intertrigo) mit hellem sulfoniertem Schieferöl bei Hund und Katze ist ebenfalls bereits seit 1937 dokumentiert (Widmer 1937). In der Humanmedizin wird der Wirkstoff u. a. bei chronischen Ekzemen, Neurodermitis (atopischer Dermatitis) und Psoriasis empfohlen (Korting et al. 2010, Melhorn und Staubach 2019). In der Veterinärmedizin findet sich helles Ammoniumbituminosulfonat in jüngsten Therapieempfehlungen zur lokalen Behandlung der Mauke (Hopster-Iversen 2018). In einer Studie mit zwölf Pferden konnte durch konsequente Behandlung betroffener Hautpartien mit Ammoniumbituminosulfonat-Gel (zweimal täglich für bis zu vier Wochen) die Mauke vollständig zur Abheilung gebracht werden (Martens und Gayko 2002). Die Mehrheit der Pferde wurde bereits nach drei Wochen als vollständig geheilt beurteilt. Zu beachten ist, dass eine kontinuierliche Anwendung – gerade vor dem Hintergrund der allgemein schlechten Heilungstendenz dieser Erkrankung – unbedingt erforderlich ist. Unter kontinuierlicher Behandlung (zweimal täglich topisch über vier Wochen) wurden auch beeindruckende Ergebnisse beim Sommerekzem erzielt (Martens und Gayko 2002, Schwenzer et al. 2009).

Bei allen regelmäßig behandelten Pferden (zweimal täglich über vier Wochen) konnte eine eindeutige Besserung der klinischen Symptome erzielt werden (n = 36 Pferde). Die große Mehrheit in dieser Gruppe (86 %) zeigte eine starke bis sehr starke Besserung der klinischen Symptome. Bei elf dieser Pferde stellten die Autoren sogar eine »vollständige Abheilung« der Hautläsionen fest. Von den insgesamt 44 untersuchten Pferden wurden acht nicht wie vorgesehen regelmäßig zweimal täglich behandelt, sodass bei diesen Pferden keine deutliche Besserung eintrat. Die regelmäßige und kontinuierliche Behandlung ist also entscheidend für den Erfolg in der Behandlung von Hautläsionen beim Sommerekzem (Schwenzer et al. 2009).

Phasen der Wundheilung

Der Prozess der Wundheilung ist ein komplexes Geschehen und lässt sich – vereinfacht dargestellt – in vier Phasen unterteilen. Die Heilung des verletzten Gewebes beginnt mit der exsudativen Phase, bei der es zunächst zu einer Blutgerinnung und einem provisorischen Wundverschluss durch Wundschorf kommt. Anschließend werden die Blutgefäße wieder weitgestellt und ihre Permeabilität steigt. In der folgenden resorptiven Phase überwiegen autolytische Prozesse, bei denen phagozytierende Leukozyten in das Wundgebiet einwandern und die Wunde von Zelldebris und Mikroorganismen befreien. Der Wundschorf wird jetzt zunehmend durch Granulationsgewebe ersetzt. Mit fließendem Übergang tritt die Wundheilung in die Proliferationsphase über. Sie ist durch die Einwanderung und Differenzierung von Fibroblasten, die Angiogenese und die beginnende Reepithelisierung geprägt. In der abschließenden reparativen Phase nimmt der Anteil an Kollagenfasern zu, während die Zahl der Gefäße abnimmt und ein zellarmes, matrixreiches Narbengebilde entsteht (Lippert et al. 2012). Sich anschließende Reifungsschritte können das Narbenbild noch über Monate verändern.

Herstellung von sulfonierten Schieferölen

Arzneibuch-konforme, hochreine sulfonierte Schieferöle (Bituminosulfonate; engl. sulfonated shale oils) werden aus schwefelhaltigem Schiefergestein gewonnen. Dieses besondere Gestein, welches vor über 60 Millionen Jahren insbesondere im Alpenraum entstand, enthält Ablagerungen von mikroskopisch kleinen Algen (Phytoplankton). Der Abbau der Algen durch Sulfat-reduzierende Bakterien führte zur Anreicherung von organisch gebundenem Schwefel in der Biomasse. In einem aufwendigen Prozess werden aus diesem Urgestein Schieferöle gewonnen und daraus verschiedene Fraktionen destilliert (Beckert et al. 2006, Gayko et al. 2000). Aus der Sulfonierung und nachfolgenden Neutralisation resultieren schließlich Ammoniumsalze der Schieferöle (Ammoniumbituminosulfonate).

Man unterscheidet zwischen einer dunklen und einer wasserlöslichen hellen Variante. Die höher siedende Fraktion (150–210 °C) wird wegen ihrer Farbe als dunkles Schieferöl bezeichnet, ist zäher und kann aufgrund der Moleküllänge nicht durch die Haut penetrieren (Beckert et al. 2006, Gayko et al. 2000). Als Wirkstoff von Zugsalben (z. B. Phlegmodolor®, WDT) kann es durch seine durchblutungsfördernde Wirkung den Abtransport von entzündlicher Gewebsflüssigkeit fördern. Die tiefer siedende zweite Fraktion (85–150 °C), das helle schwefelreiche Schieferöl, besitzt aufgrund ihrer kürzeren Moleküle keine wesentliche osmotische Zugwirkung, weist eine niedrigere Viskosität auf und enthält einen weniger intensiven Geruch. Sie fördert dafür ausgeprägt die Granulation und Epithelisierung (Beckert et al. 2006, Martens und Gayko 2002, Schwenzer und Gayko 2003).

Fazit für die Praxis

Helle sulfonierte Schieferöle, wie helles Ammoniumbituminosulfonat, sind proliferationsfördernd und verfügen über weitere Eigenschaften, welche die Wundheilung effektiv unterstützen können: Sie sind antiseptisch, analgetisch, antiphlogistisch und juckreizlindernd. Präparate mit fettfreiem Hydrogel als galenische Grundlage fördern zudem die feuchte Wundheilung. Das Therapieprinzip entspricht dem aktuellen Stand der Wissenschaft und die klinische Wirksamkeit ist durch ausreichend Evidenz belegt (Melhorn und Staubach 2019). Man kann also mit nur einem Präparat alle wichtigen pharmakologischen Aspekte des modernen Wundmanagements abdecken.

Danksagung

Wir danken der Tierärztin Katrin Antes für die Überlassung der Fotos und des Fallberichtes (persönliche Mitteilung).

Ethische Anerkennung

Die Autoren versichern, während des Entstehens der vorliegenden Arbeit die allgemeingültigen Regeln Guter Wissenschaftlicher Praxis befolgt zu haben.

Conflict of interest

Katrin Schaper-Gerhard versichert, dass sie keine geschützten, beruflichen oder anderweitigen persönlichen Interessen an einem Produkt oder einer Firma hat, welche die in dieser Veröffentlichung genannten Inhalte oder Meinungen beeinflusst haben. Dirk G. Meurer und Kristine Roßbach sind beide im Produktmanagement Pharma/MedWiss der Wirtschaftsgenossenschaft deutscher Tierärzte (WDT) tätigt. Die WDT ist Zulassungsinhaber der Wedederm® Wundsalbe.

Funding

Katrin Schaper-Gerhard hat von der WDT ein Autorenhonorar bezogen.

Autorenbeitrag

Manuskriptentwurf, kritische Revision des Artikels, endgültige Zustimmung der für die Veröffentlichung vorgesehenen Version: KSG.
Kritische Revision des Artikels, endgültige Zustimmung der für die Veröffentlichung vorgesehenen Version: KR.
Manuskriptentwurf, kritische Revision des Artikels, endgültige Zustimmung der für die Veröffentlichung vorgesehenen Version: DM.

Über die Autorin: Katrin Schaper-Gerhardt

Studium der Veterinärmedizin an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover von 2004–2010. 2012 Promotion zum Thema „Effekte von Sphingosin-1-Phosphat und Analoga auf die Entzündungsreaktion und epidermale Hyperproliferation in Modellen der Psoriasis“ im Institut Pharmakologie und Toxikologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. 2012–2014 PostDoc im Institut Pharmakologie und Toxikologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. Seit 2014 PostDoc in der Klinik für Dermatologie, Allergologie und Venerologie der Medizinischen Hochschule Hannover.

Korrespondenzadresse: Katrin Schaper-Gerhardt, MHH, Klinik für Dermatologie, Allergologie und Venerologie, Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover, schaper-gerhardt.katrin@mh-hannover.de

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Verletzung der Zehe mit Substanzverlust im Bereich des Ballens, des Kronsaums und der lateralen Hufwand am Tag der Vorstellung
Wunde nach 39 Tagen
Zustand nach 50 Tagen
Zustand nach 84 Tagen

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