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Das Edelgas Helium könnte bei der Betäubung von Schlachtschweinen eine Alternative zu Kohlendioxid sein.

Gas-Betäubung

Helium als Alternative zu Kohlendioxid?

Die Kohlendioxidbetäubung im Schlachthof wird derzeit sehr kritisch diskutiert. Eine mögliche Alternative könnte das Edelgas Helium sein – der Schlachthof Kulmbach plant momentan ein Pilotprojekt zur Helium-Betäubung.

Wir haben mit Matthias Moje, der am Institut für Sicherheit und Qualität bei Fleisch des Max Rubner-Instituts in Kulmbach forscht, über die Gas-Betäubung von Schlachtschweinen gesprochen.

Sind Schweine bei der CO2-Betäubung Schmerzen und Leiden ausgesetzt?

Moje: Das ist nicht leicht zu beantworten. Sehr grob geschätzt werden ca. zwei Drittel der in Deutschland geschlachteten Schweine mit Kohlendioxid betäubt. Während bei der Elektrobetäubung der Wirkungseintritt schlagartig erfolgt (sachgerechte Anwendung vorausgesetzt!), gibt es bei jeder Betäubung mit Gasen in Folge der unabdingbaren Anflutung im Tierkörper nur einen verzögerten Wirkungseintritt. Die Einleitung gerade einer Kohlendioxidbetäubung stellt eine ganz erhebliche Belastung für Schlachtschweine dar.

Aus diesem Grund sieht auch die EU das Verfahren der Betäubung von Schlachtschweinen unter Verwendung von Kohlendioxid kritisch. Im Erwägungsgrund Nr. 6  für die VO(EG) 1099 aus 2009 wird angeführt: „Die Empfehlungen, den Einsatz von Kohlendioxid bei Schweinen (…) schrittweise einzustellen, werden nicht in diese Verordnung eingearbeitet, da die Folgenabschätzung ergeben hat, dass solch eine Empfehlung derzeit in der EU aus wirtschaftlicher Sicht nicht tragbar ist.“

Die Anflutungsphase der Kohlendioxidbetäubung wird für Schweine sicherlich äußerst unangenehm sein; es kann nicht ausgeschlossen werden, dass dadurch Leiden bei Tieren ausgelöst wird.

Die Kontrollen müssen besser werden!

Jeder Tierarzt, der am Schlachthof arbeitet, ist verpflichtet, Missstände, die zu vermeidbaren Schmerzen und Leiden führen, abzustellen und zu melden.
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Was sind die Vorteile von Helium?

Moje: Derzeit EU-weit zugelassen ist die Verwendung von Kohlendioxid in Verbindung mit Edelgasen oder Edelgase allein (siehe Anhang 1 der VO 1099/2009). Bei der Helium-Betäubung handelt es sich – im Gegensatz zu Kohlendioxid (!) – streng genommen nicht um eine Betäubung, sondern um den Verlust des Wahrnehmungs- und Empfindungsvermögens infolge Sauerstoffmangels. Weil der tierische (und menschliche) Körper auf einen Mangel an Sauerstoff im Blut nur stark verzögert reagiert – im Gegensatz dazu die sehr schnelle Reaktion bei einem Überschuss von Kohlendioxid im Blut – wird der durch Sauerstoffmangel verursachte „Bewusstseinsverlust“ nicht wahrgenommen, sodass Angst-, Abwehr- und Fluchtreaktionen weitgehend unterbleiben.

Ist die Methode praxistauglich?

Moje: Es gibt derzeit keine einzige Helium-Betäubungsanlage für Schlachtschweine. Der Preis für das Edelgas Helium sollte aus Tierschutzsicht kein Argument gegen die Verwendung bei der Betäubung sein. Kritisch könnte dagegen aus Sicht der Bundesregierung die weltweite Verfügbarkeit dieses Edelgases sein (Deutscher Bundestag Drucksache 19/18437, 31.03.2020): Helium kommt z. B. in der Medizintechnik oder Halbleiterindustrie zum Einsatz und wurde 2017 von der EU als hinsichtlich der Versorgungssicherheit kritischer und für die europäische Wirtschaft besonders wichtiger Rohstoff eingestuft. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) stellte im September 2019 einen starken Rückgang des weltweiten Heliumangebots fest.

Es müsste zudem zunächst gezeigt werden, dass die im Modell durchführbare „Betäubung“ mit Helium auch unter den Bedingungen einer industriellen Schlachtung mit sechs und mehr Schweinen in einer einzigen Betäubungsgondel erfolgreich umgesetzt werden kann. Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass zur Frage der Alternativen für Kohlendioxid erheblicher Forschungsbedarf besteht. 

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