Zungenunterseite mit Zungenläsion, Fellverklebungen aufgrund des Schnupfens
Foto: Ulrike Althöhn

Kleintierpraxis

Durch Wolfsmilchgewächse hervorgerufene intra- und periorale Läsionen bei Kaninchen und Meerschweinchen

Lesions on tongue and around the jaw of rabbits and guinea pigs caused by Euphorbiaceae – a case report

Kleintierpraxis 66, 16–23

DOI: 10.2377/0023-2076-66-16

Publiziert: 01/2021

Zusammenfassung

Jeder Kaninchen- und Meerschweinchenbesitzer ist bemüht, seinem Tier nicht nur eine möglichst vielseitige Fütterung zu bieten, sondern auch dem sonst zur Verfügung stehenden Nahrungsspektrum in freier Natur möglichst nahe zu kommen. Dieses Vorgehen setzt allerdings Kenntnisse zu den jeweiligen Pflanzen und möglichen sekundären Inhaltsstoffen voraus. Gerade in Menschenobhut, wenn Kaninchen und Meerschweinchen während ihrer Entwicklung nicht die Möglichkeit hatten, das Meideverhalten gegenüber Giftpflanzen oder Pflanzen mit toxischen Inhaltsstoffen zu erlernen, werden Pflanzen, die vom Besitzer angeboten werden, dann gefressen. Im folgenden Fallbericht soll auf diese Problematik eingegangen werden. Aus einer Hobbytierhaltung wurden im Frühjahr innerhalb kurzer Zeit sechs von 14 Tieren in der Kleintiersprechstunde mit ähnlichen klinischen Symptomen aufgrund einer Anorexie vorgestellt. Bei der Adspektion fiel zunächst eine Hypersalivation, verbunden mit einem nassen Fell im Maul- und Halsbereich, auf. Bei der weitergehenden Untersuchung von Maulhöhle und Kopf konnten Zungenläsionen sowie Hautläsionen im Bereich des Mauleingangs diagnostiziert werden. Im Rahmen der nutritiven Anamnese gab die Besitzerin an, den Tieren neben Heu täglich frisches Saftfutter, welches sie selbst auf einer extensiv bewirtschafteten Fläche sammelte, zu füttern.

Die Analyse dieses Frischfutters ergab einen hohen Gehalt an Kräutern (ca. 60 % in der Trockenmasse), zu denen mit einem nicht unerheblichen Anteil von 35 % in der Trockenmasse auch Eselswolfsmilch (Euphorbia esula) gehörte. Deren Milchsaft enthält Triterpensaponine und Diterpenester. Diese stickstoffhaltigen Verbindungen wirken äußerlich (Haut) und innerlich (Schleimhaut) reizend bis ätzend. Nach Aufnahme dieser Pflanzen kam es in den hier präsentierten Fällen zu Entzündungen sowie ulzerativen Veränderungen im Zungen- sowie Mundschleimhautbereich. Nach dem Auftreten vergleichbarer Symptome sollten deshalb bei Kaninchen oder Meerschweinchen eine gezielte nutritive Anamnese durchgeführt und auch die Aufnahme von Pflanzen mit sekundären Inhaltsstoffen differenzialdiagnostisch in Betracht gezogen werden.

Giftpflanzen
Kaninchen
Meerschweinchen
Ulzerationen
Anorexie

Summary

Rabbit and guinea pig owners often try not only to provide their pets with a very variable diet but they also wish give them foodstuffs found freely in nature. However, this “back-to-nature” trend is only safe when the pet owner has a prior knowledge of poisonous plants; otherwise, this well-intended act can endanger the animal’s health. This is especially true for those rabbits and guinea pigs that have not had an opportunity to learn about poisonous plants during their developmental period; they simply trust their owners and eat whatever is given to them. The following case report addresses the problem associated with feeding herbivorous pets with fresh vegetation. In early summer 2017, six of fourteen rabbits and guinea pigs belonging to the same owner were presented within a short period of time showing similar clinical signs and anorexia. All the animals exhibited hypersalivation in association with lesions of the mouth and tongue. The owner admitted to feeding his animals not only on hay and but also on fresh vegetation she personally collected from an extensively farmed meadow.

An analysis of the meadow’s vegetation was undertaken and revealed a high content of herbaceous plants (60%). According to the dry weight analysis, 35% of this was made up of Green spurge or Leafy spurge (Euphorbia esula). This plant contains triterpeonoid saponins and diterpenes in its latex. These nitrogen compounds cause irritation to both the skin and mucous membranes. Inflammation and ulceration of the oral cavity and tongue were found in all six cases presented. If similar signs are seen in rabbits or guinea pigs, the anamnesis should include a close assessment of the animal’s diet with particular attention in the differential diagnosis being paid to the possible ingestion of plants containing toxic compounds.

poisonous plants
rabbits
guinea pigs
ulceration
anorexia

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