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Robert Trujanovic möchte sein Wissen nicht nur mit ausgewiesenen Spezialistinnen, sondern auch mit Praktizierenden fernab großer Kliniken teilen. Dazu bedient er sich modernster Methoden.
Foto: Fachtierärzte Althangrund
Robert Trujanovic möchte sein Wissen nicht nur mit ausgewiesenen Spezialistinnen, sondern auch mit Praktizierenden fernab großer Kliniken teilen. Dazu bedient er sich modernster Methoden.

Interview

Die Zukunft der Schmerz­behandlung

Regionalanästhesien können mit dem  richtigen Know-how in jeder tierärztlichen Ordination sicher durchgeführt werden.

Tierarzt Robert Trujanovic, Dr vet., hat eine Anästhesie-Residency auf der Vetmeduni Wien absolviert und seitdem leitet er die Anästhesie, die allgemeine und interventionelle Schmerzbehandlung in der Überweisungspraxis Fachtierärzte Althangrund in Wien. Seine Leidenschaft gilt der Regionalanästhesie (RA) und der interventionellen Schmerzbehandlung.

Warum widmen Sie sich so intensiv dem Thema RA?

Robert Trujanovic: Um sicherere Anästhesien durchzuführen und meinen Patienten eine komfortable und schmerzfreie Aufwachphase zu gewährleisten. Ich erkläre es kurz: Um ein Tier adäquat zu anästhesieren, muss es medikamentös in einen schlafenden Zustand gebracht werden und darf dabei keinen Schmerz spüren. Um diesen Zustand zu erreichen, werden systemische Analgetika verwendet, welche das ZNS in die Lage bringen, Schmerzimpulse, die von der Peripherie kommen, nicht wahrzunehmen. Der große Nachteil ist, dass wir dabei auch die lebenswichtigen Zentren, die sich im ZNS befinden, beeinflussen.

Infolgedessen nimmt das ZNS lebenswichtige Signale aus der Peripherie – beispielsweise niedriger Blutdruck – nicht oder nur ungenügend wahr und kompensiert sie ungenügend. Das kann zu Komplikationen wie Hypoventilation, Hypotension etc. führen. Eine RA blockiert die Schmerzimpulse bereits auf dem Weg ins ZNS. Das erlaubt uns, die Menge an Anästhetika zu reduzieren.

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Welche Vorteile hat die RA?

Robert Trujanovic: Das Einbeziehen der RA in ein balanciertes Narkoseregime reduziert den Verbrauch von Opioiden und anderen Analgetika und somit die potenziell negativen Nebeneffekte dieser Medikamente, was wiederum zu einer Reduktion der Morbidität, Mortalität, Komplikationsrate sowie zur Verbesserung des Outcomes führt.

Unter anderem konnte eine Forschungsgruppe bei Hunden zeigen, dass bei regionalanästhesie-­basierten Narkoseprotokollen nicht nur die intraoperative Analgesie besser ist, sondern auch die Stressmarker (Cortisol und Glukose) deutlich niedriger waren als bei Patienten mit einem opioid-­basierten Narkoseprotokoll. Ein erhöhter Stress­level des Patienten kann wiederum zu anderen nicht erwünschten Konsequenzen wie z. B. Dekompensation vieler chronischer Krankheiten führen.

Was sind Nebenwirkungen der RA?

Robert Trujanovic: Als Nebenwirkung könnte bei Blockaden der Extremitäten auch noch eine kurze Zeit nach der Operation eine motorische Blockade dieser Extremität vorhanden sein. Sie verschwindet aber je nach Lokalanästhetikum und Dauer des Eingriffs gleich nach Ende der OP oder wenige Stunden später, aber auf jeden Fall viel schneller als die sensorische Blockade.

Ist der Einsatz der RA  spezialisierten Kliniken vorbehalten?

Robert Trujanovic: Nein, ganz und gar nicht. Die Einführung ultraschallgesteuerter Regional­anästhesieverfahren hat diese Interventionstechniken nicht nur in großen Kliniken, sondern auch in kleinen Ordinationen effektiver, sicherer und reproduzierbarer gemacht.

Wie wird eine ultraschallgesteuerte RA durchgeführt?

Robert Trujanovic: Zum Aufsuchen der Nerven verwendet der Anästhesist bzw. die Anästhesistin ein Ultraschallgerät. Unter Abbildung der Gewebestrukturen und insbesondere der Nerven und Gefäße kann die echogene Nadel unter direkter Sicht an die Nerven herangeführt und die Ausbreitung des Medikaments während der Injektion auf dem Bildschirm beobachtet werden. Wir sehen also, ob wir am richtigen Ort sind und dabei jene Strukturen (beispielsweise Gefäße) schonen, die wir keinesfalls berühren wollen.

Ist diese Technik Teil des Lehrplans in Ihrer Praxis?

Robert Trujanovic: Sicher, das ist die Zukunft der Veterinäranästhesie und Analgesie! In der Veterinäranästhesie haben wir kein „Wunderanästhetikum“. Eines, das spezifisch nur die Schmerzen ausschaltet und dabei keinen Einfluss auf das ZNS ausübt. Im Gegensatz dazu haben wir mit der Zeit kränkere und ältere Patienten, die einen Eingriff benötigen. Also das Einzige, was wir machen können, um die Sicherheit der Anästhesie zu verbessern, ist, das Management zu verbessern, z. B. mit der Regionalanästhesie. Durch das erworbene Wissen werden Studierende morgen in der Praxis auch bei älteren und kränkeren Patien­ten Regionalanästhesien einsetzen können und damit sicherere Anästhesien durchführen. Ihre Patienten werden ihnen dankbar sein! Es gibt auf YouTube ein Lehrvideo der Vetmeduni Vienna für Studierende, in dem ich eine Ischiadicus- und Saphenus-Blockade beim Hund demonstriere. Diese Blockade ist bei operativen Eingriffen distal vom Knie indiziert und deswegen ein Standard, den die Studierende beherrschen sollten, weil das Knie das am häufigsten operierte Gelenk ist.

Wie kann die Kollegenschaft in der Praxis ihr Wissen erweitern?

Robert Trujanovic: Es gibt hierzu seit Kurzem die App Nysora Vet RA, die erste mobile App für Regional­anästhesie in der Veterinärmedizin. Ich habe sie gemeinsam mit einem internationalen Anästhesie-­Expertenteam entwickelt. Inspiriert wurden wir durch den großen Erfolg der Nerve-Block-App von Nysora für die Humanmedizin. Die App für die Veterinärmedizin konzentriert sich auf die am häufigsten verwendeten Nervenblockaden, Neuroaxial- und Infiltrationstechniken bei Kleintieren. Die Techniken werden Schritt für Schritt anhand von Animationen, Darstellungen der funktionellen Anatomie und klinischen Bildern erklärt. Die in der App demonstrierten Ultraschallbilder werden mit speziellen Verfahren angefärbt, um die einzelnen Strukturen auch für Anfänger deutlich erkennbar und schnell erlernbar zu machen. Das bewirkt, dass die Nutzer umso sicherer und schneller selber Nervenblockaden durchführen können. Sie haben mit der App am Handy das neueste Wissen immer griffbereit in ihrer Hosentasche und können in der Praxis jederzeit darauf zurückgreifen.

Welche Blockaden werden gezeigt?

Robert Trujanovic: Die App zeigt mehr als 20 Techniken der Regionalanästhesie beim Hund, die gleichermaßen für Katzen gelten, und sie wird laufend ergänzt. Sie umfasst die folgenden Regionen: Kopf (3), Thorax (4), Abdomen (5) Vordergliedmaßen (2) und Hintergliedmaßen (6).

Kann man die App testen?

Robert Trujanovic: Probieren Sie die App aus, indem Sie sie im App Store zunächst kostenlos herunterladen. Ohne sich zum Nysora-Newsletter anzumelden, sind vier Kurse kostenfrei abrufbar. Wer den vollen Inhalt der App nutzen möchte, muss dem kostenpflichtigen Abo zustimmen.

Die mobile App zeigt Nervenblockaden und Infiltrationstechniken und bietet zusätzlich Tipps zur Optimierung der Bildgebung, praktische klinische Ratschläge zu Vorbereitung und Lagerung des Patienten, zur Wahl des passenden Lokalanästhetikums und Hinweise zu potenziellen Komplikationen.
Die mobile App zeigt Nervenblockaden und Infiltrationstechniken und bietet zusätzlich Tipps zur Optimierung der Bildgebung, praktische klinische Ratschläge zu Vorbereitung und Lagerung des Patienten, zur Wahl des passenden Lokalanästhetikums und Hinweise zu potenziellen Komplikationen.

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