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Der Praktische Tierarzt

Die Prävention der peripartalen Hypokalzämie des Rindes

Prevention of hypocalcaemia in dairy cattle

Der Praktische Tierarzt 96, 812-821

Publiziert: 07/2015

Zusammenfassung

Die peripartale Hypokalzämie stellt nach wie vor eine der bedeutendsten Stoffwechselstörungen bei Milchrindern dar. Während die Inzidenz von peripartalem hypokalzämischem Festliegen auf etwa 5 % geschätzt wird, ist davon auszugehen, dass nahezu 40 % aller peripartalen Milchrinder um die Kalbung zumindest subklinisch hypokalzämisch sind. Obwohl Landwirt und Tierarzt das peripartale Festliegen als das vordergründige Problem erfahren, entsteht der überwiegende wirtschaftliche Schaden durch subklinisches Milchfieber. Dieses führt nicht nur zu einer beeinträchtigten Leistung, sondern auch zu einem erhöhten Risiko von Labmagenverlagerung, Nachgeburtsverhaltung und anderen peripartalen Erkrankungen. Obwohl über die Jahre zahlreiche Strategien zur Milchfieberprophylaxe entwickelt wurden, gibt es kaum eine Methode, die universell für alle Betriebsstrukturen geeignet wäre. Eine der ältesten Empfehlungen ist die Fütterung einer kalziumarmen Ration in den letzten Wochen der Trächtigkeit. Die Zusammenstellung einer ausreichend kalziumarmen Ration erweist sich in der Praxis jedoch als äußerst schwierig. Eine Alternative dazu ist das Einmischen von kalziumbindenden Substanzen (Zeolith A, pansengeschützte Reiskleie) in die Ration. Der Einsatz von Zeolith A beeinflusst den Kalziumhaushalt der peripartalen Kuh zwar positiv, beeinträchtigt jedoch gleichzeitig die Futteraufnahme und scheint darüber hinaus auch den Haushalt anderer Minerale wie Phosphat und Magnesium zu beeinflussen. Die Verfütterung von pansengeschützter Reiskleie soll die TM-Aufnahme der Kühe dabei nicht beeinträchtigen. Als effizient, jedoch sehr arbeitsaufwendig, hat sich die wiederholte Gabe von oralem Kalzium um die Geburt im Zwölf- bis 24-Stunden-Intervall erwiesen. Pro Dosis sollten zwischen 50 und 100 g elementaren Kalziums z. B. als Bolus, Gel oder Drench verabreicht werden. Eine weitere Methode zur Milchfieberprophylaxe, die mit Erfolg eingesetzt wird, beruht auf dem Ansäuern des Stoffwechsels der hochtragenden Kuh durch Einmischen von sogenannten sauren Salzen in die Trockensteherration während der letzten Trächtigkeitswochen. Einschränkungen ergeben sich aus der geschmacklichen Beeinträchtigung des Futters durch die sauren Salze sowie aus einem zu hohem Kaliumgehalt der Grundfutterration, welcher die Wirkung der sauren Salze antagonisiert. Vor allem in Grünlandbetrieben mit hohem kaliumreichem Grasanteil in der Ration ist das sogenannte Dietary cation-anion balance(DCAB)Konzept daher nicht erfolgreich einsetzbar. Die parenterale Gabe von Vitamin D kurz vor dem errechneten Kalbetermin hat sich ebenfalls als eine effiziente Maßnahme zur Reduktion der Inzidenz klinischen Milchfiebers erwiesen. Nachteile sind jedoch die enge therapeutische Breite dieser Substanz und das damit verbundene Risiko bei zu hoher oder wiederholter Dosierung. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass mit Vitamin D behandelte Tiere zwar ein geringeres Risiko für klinisches Milchfieber haben, jedoch in den ersten Laktationstagen häufiger subklinisch hypokalzämisch sind als unbehandelte Tiere. Zur Milchfieberprophylaxe nicht bewährt haben sich das teilweise Ausmelken frisch gekalbter Kühe sowie die intravenöse Kalziuminfusion. Die intravenöse Kalziuminfusion zur Prophylaxe stört die Regulation der Kalziumhomöostase mit dem Effekt, dass behandelte Tiere in den Tagen nach der Infusion niedrigere Blutkalziumspiegel haben als unbehandelte Tiere.

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Summary

Periparturient hypocalcaemia remains one the most important metabolic diseases in dairy cattle. While the incidence of clinical milk fever is in the range of 5%, approximately 40% of periparturient dairy cattle are estimated to become subclinically hypocalcaemic. Although farmers and veterinarians perceive clinical cases of milk fever as the primary concern, it is subclinical hypocalceamia that is economically most relevant as it is associated with decreased productivity and increased risk of developing abomasal displacement, retained placenta and other common conditions of the periparturient dairy cow. Several strategies for milk fever prevention have been developed over the past decades but no single approach has been found suitable for all husbandry and farming settings. One of the oldest recommendations is to feed a diet low in calcium in the last weeks of pregnancy. In practice formulation of such a calcium deficient ration however turns out to be difficult due to the high calcium contents of many commonly used ration ingredients. An alternative method to induce a negative calcium balance before calving is the use of calcium binders (Zeolite A, rumen protected rice bran) that are mixed into the dry cow ration during the last two to three weeks of gestation. Zeolite A indeed results in higher blood calcium concentrations around parturition but at the same time tends to negatively affect dry matter intake and has been associated with decreased blood phosphate and magnesium concentrations in the periparturient period. Rumen protected rice bran is supposed not to negatively affect dry matter intake. Repeated oral administration of calcium-containing compounds around parturition is recognized as an effective but labor-intensive approach to prevent or alleviate periparturient hypocalcemia. Repeated doses of 50–100 g of elemental calcium administered as a bolus, gel or drench in a twelve to 24 hours interval have been recommended. Another strategy for milk fever prevention with proven efficacy is the use of so called anionic salts in the dry cow ration in the last two to three weeks of gestation which results in mild to moderate acidification of the organism. Disadvantages of the use of anionic salts are their poor palatability, limiting the amount of salts that can be fed without negative effects on dry matter feed intake, and the incompatibility with dry cow rations with high potassium content, antagonizing the effects of the anionic salts. The use of anionic salts is therefore not suited for farms feeding dry cows rations with a high content of grass rich in potassium. The parenteral administration of vitamin D shortly before calving is a further method that proved effective in reducing the incidence of periparturient recumbency. Disadvantages are the narrow therapeutic index of vitamin D presenting an increased health risk with high or repeated doses as well as the increased occurrence of subclinical hypocalcaemia during the first two weeks of lactation in cows treated with vitamin D3. Strategies that did not prove effective for milk fever prevention are partial milkout after calving and the intravenous infusion of calcium salt solutions. The prophylactic intravenous administration of calcium salts interferes with the regulation of calcium homeostasis resulting in lower blood calcium levels in the days after treatment compared to untreated cows.

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