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Er hat die Nase vorn: Der Lagotto Romagnolo, ein Trüffelsuchhund aus Italien, war noch vor wenigen Jahren unbekannt - und wird jetzt immer beliebter.
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Er hat die Nase vorn: Der Lagotto Romagnolo, ein Trüffelsuchhund aus Italien, war noch vor wenigen Jahren unbekannt - und wird jetzt immer beliebter.

Trends in der Hundezucht

Die alten Rassen kommen wieder

Pudel, Dackel und Hovawart liegen im Trend. Das zeigt die neue Welpenstatistik des Verbands für das Deutsche Hundewesen. Besonders steil gehen die Geburtenzahlen aber bei einem Newcomer aus Italien nach oben.

Hinter dem Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) liegen unruhige Zeiten: Während der Pandemie wurde die Sehnsucht der Deutschen nach einem eigenen Hund so groß, dass die Hundezüchter, die in dem Dachverband organisiert sind, den Ansturm der Anfragen kaum noch bewältigen konnten. „Manche haben kurzerhand ihre Website vom Netz genommen, weil das Telefon sonst nicht mehr aufhörte zu klingeln“, berichtet Verbandssprecher Udo Kopernik.  

Von 9,4 Millionen auf 10,3 Millionen stieg die Zahl der in Deutschland gehaltenen Hunde nach Angaben des Zentralverbands der Zoologischen Fachbetriebe (ZZF) allein von 2018 bis heute. Schon zuvor hatte es einen kontinuierlichen Anstieg gegeben, aber gerade während der Lockdown-Zeiträume waren Welpen hochbegehrt. Allerdings: Ganz egal, welche Rasse sie sich zulegen, ist es den Käufern wohl nach wie vor nicht. Das zeigt zumindest die gerade veröffentlichte Welpenstatistik des traditionsreichen VDH, die einen guten Überblick darüber gibt, welche Hunderassen besonders nachgefragt werden – und welche langsam aus der Mode geraten.

Alte Rassen

Wie viele Welpen 2021 geboren wurden, schwankt je nach Rasse stark – zwischen gut 10.000 beim Deutschen Schäferhund und keinem einzigen bei vielen seltenen Rassen. Einige „alte Bekannte“ behaupten allerdings ihren Platz ganz vorne in der Statistik und bleiben zuverlässig auf hohem Niveau, oft mit kontinuierlich oder fast kontinuierlich steigender Tendenz – so etwa der Labrador Retriever (3.219 Welpen im Jahr 2021, Platz vier), der Golden Retriever (2.412 Welpen, Platz sechs), der Border Collie (1.426 Welpen, Platz elf) oder der Kleine Münsterländer (1.448 Welpen, Platz zehn), die alle jahrelang an der Spitze der Statistik vertreten waren. Der Border Collie und der Kleine Münsterländer liefern sich dabei seit Jahren ein Kopf-an-Kopf-Rennen, bei dem es dem westfälischen Jagdhund nun zunächst gelungen ist, den britischen Hütehund aus den „Top Ten“ zu verdrängen.

Einige Rassen verzeichnen besonders beachtliche Sprünge in den Geburtszahlen seit dem Vorjahr. Über 300 Welpengeburten mehr als im Jahr 2020 vermelden etwa die Züchter von Dackel (Platz zwei), Deutsch Drahthaar (Platz drei), Pudel (Platz fünf), Golden Retriever (Platz sechs), Deutsch Kurzhaar (Platz sieben) Rottweiler (Platz acht) oder auch Hovawart (Platz 16). „Die alten Rassen, die unsere Eltern und Großeltern kannten, treten wieder deutlich in den Vordergrund“, bilanziert VDH-Sprecher Kopernik.

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Anziehungspunkt Hundeplatz

Kopernik richtet dabei seinen Blick vor allem auf alte deutsche Gebrauchshunderassen wie Rottweiler oder Hovawart. Er hat eine Vermutung, warum diese Rassen im Aufwind sind: „Es handelt sich um Hunde, mit denen man auf Hundeplätzen trainieren und Prüfungen ablegen kann“, erklärt Kopernik. „Bei diesen Rassen realisieren die Zuchtvereine selbst die rassespezifischen Übungsgelegenheiten.“

Die Käufer von Welpen dieser Rassen bekommen also mit dem Erwerb der Tiere Zutritt zu einem etablierten Netzwerk und einer gewachsenen Infrastruktur. Mit dem Hund auf den Hundeplatz – Kopernik hält das für die Wiederentdeckung von früher populären Möglichkeiten, die Freizeit mit Hund zu gestalten. Auch das Coronavirus mag dabei eine Rolle gespielt haben: „Hundeplätze zu besuchen, ist auch während einer Pandemie kein Problem, weil die Übungen draußen stattfinden“, so Kopernik. Allerdings habe sich das Vereinsleben verändert: „Es ist nicht mehr wie früher, wo man nach dem Training den Hund in die Box brachte und mit den anderen Haltern dann noch länger beim Bier zusammensaß. Heute geht es hauptsächlich um den Hund, man trainiert mit ihm und fährt dann rasch wieder nach Hause.“

Behauptet seinen Platz in den "Top Ten" schon lange: Der Golden Retriever liegt aktuell auf Rang sechs in der Welpenstatistik des Verbands für das Deutsche Hundewesen (VDH).
Training auf dem Hundeplatz wird wieder populär - das sorgt offenbar dafür, dass Gebrauchshunde wie der Rottweiler gefragt sind.
Für Dalmatiner gibt es wieder viele Interessenten. Beim Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) glaubt man, dass ein Grund in den strengen Gesundheitskontrollen liegt.
Der Dackel liegt wieder im Trend - ähnlich wie viele andere Rassen, die in den unmittelbaren Nachkriegsjahrzehnten beliebt waren.

Vertrauen gestärkt

Aber Kopernik sieht noch andere Gründe für die steilen Anstiege bei den etwas größeren Gebrauchshunderassen. Er hat beobachtet: „Insbesondere der Hovawart erlebt eine Renaissance: Überall, wo man spazierengeht, taucht gefühlt ein Hovawart auf.“ Die Hovawart-Population erlebte tatsächlich nach einer relativ geringen Welpenzahl von 674 im Jahr 2020 eine auffallend starke Zunahme auf 1.017 Welpen im folgenden Jahr. Einen Grund sieht Kopernik darin, dass die Züchter dieser sportlichen Dienst- und Gebrauchshunde, die mit blondem Fell manchmal mit Golden Retrievern verwechselt werden, in den vergangenen Jahren stark darauf geachtet haben, präventiv gegen die Hüftgelenksdysplasie vorzugehen: „Die Hovawartzüchter haben mit rigorosen Programmen auf die Hüftgelenksdysplasie geachtet und so das Vertrauen in die Gesundheit der Rasse gestärkt. Jetzt ernten sie die Früchte ihrer Arbeit.“

Ähnlich sehe es bei den Dalmatinern aus, die vor einem Jahrzehnt noch bei etwa 750 pro Jahr geborenen Welpen lagen und deren Züchter jetzt wieder rund 1.350 Welpen verzeichnen können. Dalmatiner tragen ein genetisches Risiko, taub geboren zu werden. „Die Zuchtvereine der Dalmatiner führen seit mehreren Jahren konsequent eine audiometrische Untersuchung durch“, erklärt Kopernik. Zuchttiere werden dabei auf ihre Hörfähigkeit überprüft. „Das führt dazu, dass das Risiko, heute noch einen Dalmatinerwelpen zu kaufen, der taub ist, sehr gering ausfällt.“

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Trüffelsuchhund im Trend

Besonders spannend wird es aber, wenn man den Blick auf Hunderassen richtet, die noch vor wenigen Jahren kaum jemand kannte, die aber plötzlich zum neuen „Trendhund“ avancieren. Ein solcher Aufstieg liegt offenbar hinter dem Lagotto Romagnolo, einem wuschelig-lockigen Trüffelsuchhund mit Wurzeln in Italien. Vor 15 Jahren lag die Zahl der jährlich geborenen Welpen noch bei 77. Inzwischen hat sie sich fast verzehnfacht auf mehr als 700 registrierte Welpen im Jahr 2021. „Die Rasse wurde hier in Deutschland entdeckt, dann haben sich mehrere etablierte, erfahrene Züchter, die vorher andere Hunde gezüchtet hatten, der Rasse angenommen, so dass man nicht mehr nach Italien fahren musste, um einen Welpen zu bekommen“, erklärt Kopernik einen Aspekt des Erfolgs.

Auffallend ist die äußerliche Ähnlichkeit des Lagotto Romagnolo zum ebenfalls im Trend liegenden Pudel. „Der Lagotto Romagnolo hat viele angenehme Eigenschaften, er ist robust, sozialverträglich und leicht zu erziehen“, so Kopernik. Auch diese Eigenschaften teilt er mit dem beliebten Pudel. Dem Pudel voraus habe er aber vielleicht noch ein frischeres Image ohne „Altlasten“, mutmaßt Kopernik. „Es mag sein, dass manch ein Interessent, der einen unkomplizierten Hund sucht, den Pudel noch als ‚Alte-Damen-Hund‘ sieht und von den früher häufigen Bildern von modisch zurechtgemachten Pudeln, deren Fell meist stark frisiert war, abgeschreckt ist.“

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Unkomplizierter Anfängerhund

Viel geschadet haben solche Vorbehalte dem Pudel allerdings nicht. Seit 2020 verdrängt er den Golden Retriever aus den „Top Five“ der Statistik. Dass Großpudel, Kleinpudel und Zwergpudel, die in der Statistik zum „Pudel“ zusammengefasst sind, so beliebt seien, liege an ihren vielen positiven Eigenschaften, sagt der langjährige VDH-Sprecher – und vielleicht auch ein bisschen an Udo Kopernik selbst: „Seit mehr als 20 Jahren antworte ich auf Journalistenfragen nach einem unkomplizierten Hund für Anfänger: Nehmen Sie doch einen Pudel.“

Die VDH-Welpenstatistik bildet allerdings nicht die Gesamtheit aller in Deutschland geborenen Hunde ab, denn Züchter, die nicht in VDH-Vereinen organisiert sind, werden nicht erfasst. Die Statistik des VDH ist deshalb vor allem als ein Hinweis auf Trends zu sehen. Die Popularität von Hunderassen wird auch nur verzögert erfasst, weil VDH-Züchter sich verpflichten, eine Hündin maximal zweimal in 24 Monaten werfen zu lassen. Das heißt, dass die massive Nachfrage nach einer Rasse sich nicht sofort in steigenden Welpenzahlen widerspiegeln kann.

Mischlingswelpen an der Spitze

Die Eintragungen von Hunden beim Tierregister Tasso, an das auch nicht von VDH-Züchtern stammende Hunde gemeldet werden, zeigen deshalb eine abweichende Rangfolge. Zum einen stehen hier die vom VDH nicht erfassten Mischlingswelpen an erster Stelle in der Statistik. Zum anderen findet sich beispielsweise die Französische Bulldogge bei Tasso weit vorn auf Platz vier, während sie beim VDH aktuell abgeschlagen auf Platz 80 landet. „Wir beobachten, dass die brachycephalen Rassen bei der Bevölkerung sehr beliebt sind“, sagt Kopernik. „Unser Anspruch ist es, die Zucht gesunder Hunde zu fördern. Deshalb haben wir tierärztlich begleitete Belastungstests für Hunde wie den Mops oder die Französische Bulldogge eingeführt. Seitdem fallen viele Hunde aus der Zucht heraus, weil sie die Tests auf Atmung und Herzgesundheit nicht bestehen. Das heißt, sie bekommen keine Zuchtzulassung und mit ihnen kann nicht mehr gezüchtet werden.“ So erklären sich die geringeren und teilweise in den vergangenen Jahren sinkenden Welpenzahlen bei den kurzschnäuzigen Trendrassen im VDH.

Um irgendwann ein vollständiges Bild von den in Deutschland vertretenen Hunderassen zu bekommen, wünscht sich Udo Kopernik vor allem eines: „Mir wäre es wichtig, dass wir endlich eine einheitliche Kennzeichnungs- und Registrierungspflicht für alle Hunde in Deutschland hätten – wie es auch im Koalitionsvertrag steht.“

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Platz eins und zwei der VDH-Statistik behaupten übrigens seit Jahrzehnten der Deutsche Schäferhund und der Dackel. Als „Trendhund“ kann man den Schäferhund trotzdem nicht bezeichnen, denn seit Jahren sinkt die Welpenzahl fast kontinuierlich. Vor 15 Jahren wurden noch fast 17.000 Schäferhund-Welpen registriert. Aktuell sind es 10.031.

Anders sieht es aus beim Dackel, dem die Pandemiejahre offenbar wie anderen alten Rassen neue Popularität beschert haben: In den vergangenen 15 Jahren gingen die Welpenzahlen relativ kontinuierlich zurück, aber aktuell ist man zum ersten Mal wieder auf dem Stand von 2007: Gut 7.200 Dackelwelpen wurden 2021 registriert. (Christina Hucklenbroich)