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Eine Branche im Wandel: Was bringt der Blick in die Zukunft?
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Eine Branche im Wandel: Was bringt der Blick in die Zukunft?

Gespräch

Branchenentwicklung: Sind Klinikgruppen die Zukunft?

Das Bundeskartellamt hat die Übernahme der Tierklinik Hofheim durch IVC Evidensia genehmigt. Reto Neiger ist als Medical Director DACH bei der Tiermedizingruppe tätig, kennt aber auch die Tierklinik Hofheim. Ein Gespräch.

Tiermedizingruppen sind in Deutschland seit 2015 am Markt und haben seither ein beachtliches Wachstum verzeichnen können. Führend unter den sogenannten Corporates (= Gruppen) sind die schwedischen Tiermedizingruppen IVC Evidensia und AniCura. Sowohl IVC Evidensia als auch AniCura gehören inzwischen über 60 deutsche Praxen und Kliniken an.

Das zunehmend große Kleintierstandorte nicht mehr rein in tierärztlicher Hand sind, macht vielen Kolleginnen und Kollegen Sorgen. Entsprechend groß war auch das Echo in den sozialen Netzwerken, als bekannt wurde, dass die große und bekannte Tierklinik Hofheim in Zukunft von IVC Evidensia übernommen werden soll. Mit weit über 200 Mitarbeitern und einem fast 100-köpfigen Ärzteteam ist die 1997 in Hessen gegründete Kleintierklinik klar die größte Tierklinik in Deutschland.

Ein weiterer dicker Fisch in Händen der Tiermedizingruppen - was bedeutet das nun für die Branche? Wie verändert sich die Tiermedizin, wenn Inhaber rein wirtschaftlich denken und die fachliche Expertise bei den Angestellten liegt? Wir haben mit Reto Neiger gesprochen, der seit über zwei Jahren als medizinischer Direktor bei IVC Evidensia angestellt ist und die Standorte in Deutschland, Österreich und der Schweiz fachlich berät. Der Fachmann für Innere Medizin der Kleintiere hat den Vergleich und einen guten Einblick: Vor seiner Anstellung bei IVC Evidensia arbeitete Reto Neiger viele Jahre lang an der Justus-Liebig-Universität Gießen und im Anschluss in der Tierklinik Hofheim. 

Herr Neiger, waren Sie Klinikggruppen von Anfang an gegenüber aufgeschlossen?

Reto Neiger: Als ich noch an der Uni beschäftigt war und es 2015/16 mit den Corporates losging, war ich auch kritisch und dachte, ob das für die Tiermedizin sinnvoll ist? Heute sehe ich das Ganze anders – aus unterschiedlichen Gründen. Eine Entwicklung in diese Richtung lässt sich meiner Meinung nach nicht aufhalten. Für so große Standorte wie die Tierklinik Hofheim oder die Tierklinik Kalbach finden sich keine privaten Käufer. Das sind bei großen Einrichtungen mit 100 Mitarbeitern und mehr Beträge, die sich ein Tierarzt ganz oder anteilig in aller Regel nicht leisten kann oder will. Außerdem gibt es überhaupt kaum noch Kolleginnen, die selber eine Praxis/Klinik übernehmen oder eröffnen wollen. Frauen sind hervorragende Tierärztinnen, empathisch und gut darin, Personal zu führen. Aber im Großen und Ganzen weniger risikofreudig als ihre männlichen Kollegen. Es sind aber >85% der Studienabgänger Frauen, so dass hauptsächlich Tierärztinnen in diesem Beruf arbeiten. Die wenigsten wollen einen hohen Kredit aufnehmen und über 20 Jahre oder länger zurückbezahlen. Die meisten sind gerne angestellt und damit flexibel auch in Hinblick auf ihre Lebensplanung. Denn wenn sie etwas Anderes machen wollen, dann können sie das jederzeit tun. Auch die möglichen Vergütungen als Leiterin einer Praxis oder Klinik einer Tiermedizingruppe sind durchaus attraktiv und dabei kann eine spannende Tätigkeit ausgeübt werden.

Das heißt die Tiermedizingruppen finden ausreichend Personal?

Neiger: Nein, leider haben auch die Tiermedizingruppen Schwierigkeiten wie unabhängige Praxen oder Kliniken. Es gibt keinen Pool von Tierärzten und Tierärztinnen, aus dem man auswählen könnte. Kliniken, die eine 24-Stunden-Betreuung anbieten haben in der Regel größere Probleme, da ein häufiger Bereitschaftsdienst sich schlecht mit guter „Work-Live-Balance“ kombinieren lässt. Auch die Gruppen haben bei kleinen Standorten Probleme, plötzliche Personalausfälle gut aufzufangen, genau so wie eine Praxis-Inhaberin, die fünf Tierärztinnen beschäftigt. Wenn durch Familienplanung oder Umzug Personal wegfallt, wird es für die Verbleibenden und vor allem für die Inhaberin eng. Mehr Dienste, weniger Einnahmen – keine gute Kombi. Ein Vorteil einer großen Klinik ist dagegen die hohe Zahl interessanter, „cooler“ Patienten und die hohe Expertendichte. Junge KollegInnen lernen da oft sehr viel. Das macht schon Spaß in so einem Team zu arbeiten. Trotzdem. Es gibt schlichtweg zu wenig Tierärzte, vor allem fehlt es an Vollzeitkräften. Nach einer Hochrechnungen dürften rund 20.000 Tierärztinnen und Tierärzte in Deutschland fehlen, bei einem Gesamtpool von 32.500 tierärztlich tätigen Kolleginnen und Kollegen.

Was kann man da tun, wo führt das hin?

Neiger: Meiner Meinung nach bräuchte es dringend zusätzlich mehr Ausbildungsstandorte, doch das Studium ist teuer. Trotzdem gäbe es schon Möglichkeiten. Baden-Württemberg oder NRW sind reiche Bundesländer, die keine veterinärmedizinische Fakultät haben. Warum also keinen zusätzlichen tiermedizinischen Fachbereich in Stuttgart oder Düsseldorf? Ich wünsche mir auch mehr Frauen aus der Praxis in den Landestierärztekammern und in der Standespolitik. Eine kompetente Kollegin, die 35 ist und weiß, wie der Klinikhase läuft und kein Mann, der auf die 60 zugeht und die letzten 20 Jahre im Amt gearbeitet hat.

Stimmt es, dass Kliniken, die an eine Gruppe verkauft werden ihren Klinikstatus abgeben müssen?

Neiger: So etwas habe ich auch gelesen und auch kommentiert: Schlecht recherchiert! Das ist natürlich nicht korrekt. Kein Klinikleiter gibt gerne seine 24-Stunden-Bereitschaft auf. Der Klinikstatus bedeutet Prestige und bringt eine hohe Dichte schwer erkrankter Patienten mit sich; dies führt wiederum zu einer besseren Auslastung teurer Geräte wie CT/MRT. Die Kollegen geben nur auf, weil die entsprechende Personaldecke fehlt und die Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes offensichtlich notwendig ist.

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Wissen Sie was das Bundeskartellamt prüft?

Neiger: Einen genauen Einblick habe ich nicht. Soweit ich weiß, kontrolliert es bei der Fusion zweier Unternehmen die Wettbewerbslage, also ob Lieferanten und Abnehmern noch ausreichend Wahlmöglichkeiten zur Verfügung stehen oder ob aus der Fusion negative Konsequenzen für den Wettbewerb entstehen können.

Was denken Sie, liegt die Zukunft Hand der Gruppen?

Neiger: Was genau passieren wird, kann ich auch nicht voraussagen. Derzeit haben IVC Evidensia und AniCura in Deutschland etwa gleich viele Standorte, dem Verbund unabhängiger Kleintierkliniken e.V. (VUK) gehören 28 Kliniken, Gesundheitszentren und Praxen an. Es gibt aber noch sehr viele unabhängige Kliniken und Praxen. Ich denke, dass langfristig mehr als die Hälfte der Tierarztpraxen und -kliniken zu Gruppen gehören werden, ähnlich wie in anderen Ländern (USA, UK, Holland). Ich bin aber auch der Meinung, dass Tierärzte einige ihrer Vorurteile gegenüber diesen Playern ablegen und nicht in Online-Foren die Besitzer verrückt machen sollten. Die Abrechnung bleibt z. B. nach einer Übernahme durch eine Gruppe in Hand der tierärztlichen Praxis- bzw. Klinikleitung. Sie entscheidet nach welchem GOT-Satz abgerechnet werden soll. Tierkliniken wie Hofheim oder Ahlen haben schon immer nach einem hohen GOT-Satz abgerechnet. Damit müssen Tierhalter rechnen, wenn sie eine entsprechende Betreuung durch Spezialist*innen und hochwertige Diagnostik wünschen. Tiermedizin ist ein Geschäft wie jeder andere Beruf, der seine Personal- und sonstigen Kosten decken muss – nur leider verstehen viele Tierärzte von Finanzen zu wenig. Ein Zusammenschluss von tierärztlichen Spezialisten und Finanzexperten tut unserem Beruf sehr gut, um endlich mittelfristig aus der Ecke der Billiglöhne wegzukommen und die Attraktivität der Arbeitsplätze zu steigern.

Update des Artikels vom 02. Juni 2022.

 

Kim Merl ist Tierärztin und Regionalmanagerin bei AniCura. Lesen Sie hier, wie sie die Lage einschätzt.