Image
antibiotika-reserve-resistenz.jpeg
Foto: Africa Studio - stock.adobe.com
Antibiotika: Welche Wirkstoffe sollen kritisch kranken Menschen vorbehalten bleiben?

Antibiotika-Resistenz

Bestimmte Antibiotika nur für den Menschen?

Das EU-Parlament wird im September darüber abstimmen, welche antibiotischen Wirkstoffe lebensbedrohlich erkrankten Menschen vorbehalten bleiben. Tierärzteverbände fürchten weitreichende Konsequenzen und Antibiotikaverbote für die Tiermedizin.

Welche Antibiotika gelten zukünftig als Reserve für kritisch kranke Menschen und dürfen in der Tiermedizin nicht mehr angewandt werden? Ein Nachfolge-Rechtsakt der neuen EU-Tierarzneimittelverordnung 2019/6 soll das festlegen, bevor das Gesetz im Januar 2022 in Kraft tritt. Nun wird gefordert, dass einige äußerst wichtige Antibiotika in der Tiermedizin ganz verboten werden sollen.

Das EU-Parlament hat kein Antibiotika-Verbot beschlossen

Der Einsatz der Tierärzteverbände und ihrer Mitstreiter war erfolgreich: Es wird zum jetzigen Zeitpunkt kein grundsätzliches Verbot für von der WHO als äußerst kritisch eingestufte Antibiotika in der Tiermedizin geben. Doch in der scharf geführten Debatte geriet die Tierärzteschaft in ein falsches Licht.
Artikel lesen

Mit Sicherheitsnetz für die Tiergesundheit: Entwurf der EMA

Von der EMA (European Medical Agency) wurde ein Entwurf für diesen Rechtsakt vorgelegt, der im Mai bereits von der Europäischen Kommission angenommen wurde. Er trägt den Namen „Kriterien für die Einstufung antimikrobieller Mittel, die für die Behandlung bestimmter Infektionen beim Menschen vorbehalten sind“. Der europäische Tierärzteverband FVE schreibt lobend zu diesem Entwurf, er würde der menschlichen Gesundheit Vorrang vor der tierischen geben, aber gleichzeitig ein Sicherheitsnetz für die Tiergesundheit einbauen.

Der Entwurf der EMA sieht vor, dass in der Veterinärmedizin nur Antibiotika verboten werden,

  • bei denen es eine Resistenzübertragung vom Tier auf den Menschen gibt,
  • die unverzichtbar für lebensbedrohliche Erkrankungen beim Menschen sind,
  • die aber nicht unverzichtbar für die Tiergesundheit sind.

Bestimmte Antibiotika könnten in der Tiermedizin verboten werden

Einige Stimmen fordern allerdings ein Verbot aller von der WHO als „Highest Priority Critical Antibiotics“ – äußerst wichtige Antibiotika – eingestuften Wirkstoffe in der Veterinärmedizin. Im Juli wurde  im Umweltausschuss des EU-Parlaments (ENVI) über den Rechtsakt beraten. Zur Enttäuschung der Tierärzteverbände wurde dort ein Entschließungsantrag angenommen, der den Rechtsakt in der von der EMA vorgeschlagenen Form ablehnt und die Antibiotikaanwendung in der Tiermedizin deutlich stärker einschränken möchte. Darüber wird nun im September im EU-Parlament abgestimmt.

Würde dieser Entschließungsantrag auch in der Plenarabstimmung angenommen, könnte das laut FVE und dem Bundesverband praktizierender Tierärzte e.V. (bpt) bedeuten, dass die Tiermedizin mehr als die Hälfte der antibiotischen Produkte auf dem Markt verlieren würde – mit desaströsen Folgen für die Tiergesundheit. Antibiotika mit höchster Priorität (WHO) sind Polymyxine, Makrolide, Fluorquinolone sowie Cephalosporine der 3. und 4. Generation. Der Bundesverband praktizierender Tierärzte e.V. (bpt) betont insbesondere, dass von einem generellen Verbot nicht nur Nutztiere betroffen wären, sondern auch Hunde, Katzen und Pferde. Viele Erkrankungen bei Tieren könnten nicht mehr angemessen behandelt werden.

Das neue Tierarzneimittelgesetz: Praxisgerechter als der erste Entwurf

Der Bundestag hat das Tierarzneimittelgesetz (TAMG) beschlossen. Insbesondere der Bundesverband praktizierender Tierärzte (bpt) hatte sich im Vorfeld für eine praxisnahe und unbürokratische Ausgestaltung eingesetzt.
Artikel lesen

Gegen ein weitreichendes Antibiotikaverbot: Unterschriftenkampagne und Petition

Der bpt hat eine Kampagne gestartet, um bei Tierhaltern bis zum 8. September 2021 Unterschriften gegen ein weitreichendes Antibiotikaverbot zu sammeln. Parallel gibt es auch eine  Online-Petition, die auf die Kampagne des bpt Bezug nimmt, aber nicht vom Verband initiiert wurde. Mit der Aktion möchte der Verband ein starkes politisches Zeichen setzen und deutlich machen, dass er das geplante Anwendungsverbot bestimmter Antibiotika bei Tieren für tierschutzwidrig hält.

Der bpt appelliert an alle Tierärzte aller Spezies, bei Heimtierhaltern, Pferdehaltern und Landwirten Unterschriften zu sammeln. Alle bpt-Mitglieder erhalten eine Unterschriftenliste und ein Kampagnenplakat per Post und der bpt stellt das Material auch online zum Herunterladen zur Verfügung. 

Weitere Informationen

  • Hier gibt es Informationen und Material des bpt zur Unterschriftenkampagne
  • Hier ist die Online-Petition zu finden
  • Statement der FVE vom 07.07.2021

Journal Club Logo

Journal Club

1. Februar 2018

Von der Schwierigkeit, bestimmte Bakterien nachzuweisen

Aborte beim Milchvieh führen nicht nur zu wirtschaftlichen Verlusten, sondern haben je nach Erreger auch eine zoonotische Bedeutung. Eine Schweizer Studie wollte nun die Prävalenz von drei wichtigen, aber schwer nachzuweisenden Aborterregern genauer unter die Lupe nehmen.

Image
Antibiotika_Abgabemenge2011_und_2020_Print_Download(ENT_.jpeg
Foto: Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL)

Antibiotika

19. Oktober 2021

Antibiotika-Abgabemenge in der Tiermedizin leicht gestiegen

Die Menge der in der Tiermedizin abgegebenen Antibiotika ist in Deutschland 2020 um 4,6 Prozent angestiegen. Im Vergleich zu 2011, dem ersten Jahr der Antibiotikaerfassung, gibt es allerdings eine deutlich Reduktion von fast 60 Prozent. 

Image
AdobeStock_244318749_0001.jpeg
Foto: Ermolaev Alexandr - stock.adobe.com

Wundbehandlung

31. August 2021

Antibiotika bei der Wundbehandlung: ja oder nein?

Auf der bpt-Tagung „Die Wunde“ ging Prof. Wolfgang Bäumer der Frage nach, wann der Einsatz von Antibiotika sinnvoll ist und wann nicht.

Weniger Lungenentzündungen im Freien: Kälber im Iglu
Foto: bonpictures - stock.adobe.com

Freiluftkalb

28. April 2021

Kälbermast mit weniger Antibiotika

Das Schweizer Projekt „Freiluftkalb“ zeigt, dass sich der Antibiotikaeinsatz mithilfe einfacher Maßnahmen deutlich reduzieren lässt. Das Geheimnis: viel frische Luft.