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Jahresrückblick

2020: Was für ein merkwürdiges Jahr!

2020 ist vieles Realität geworden, womit wir nie gerechnet hätten. Jetzt feiern wir Weihnachten – für viele wird es ein anderes Fest sein als in den Jahren zuvor. Vetline.de wünscht allen Lesern ruhige, erholsame Tage. Bleiben Sie gesund!

In den ersten Stunden des Jahres 2020 schwebten drei Himmelslaternen über Krefeld, wurden in Richtung Zoo abgetrieben und steckten dort das Affenhaus in Brand. In den Flammen starben fast 50 Tiere, darunter acht Menschenaffen. Ein verletzter Gorilla musste von einem Polizisten erschossen werden. Ein schrecklicher Auftakt für ein Jahr, das am Ende so vieles infrage stellen sollte.

Eine Pandemie beginnt

Noch am 31. Dezember 2019 war im chinesischen Wuhan der Ausbruch einer Lungenentzündung mit noch unbekannter Ursache bestätigt worden. Kurz bevor die WHO die sich in China ausbreitende Epidemie als „gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite“ einstufte, traf sich die deutsche Tierärzteschaft Ende Januar auf dem 10. Leipziger Tierärztekongress und diskutierte ganz andere Themen. Mit rund 6.200 Teilnehmern und über 500 Referenten sprengte der Mega-Kongress alle Rekorde. Viele Vortragsräume waren übervoll, in der Industrieausstellung herrschte Gedränge. Kirsten Tackmann, Tierärztin und Bundestagsabgeordnete der LINKEN, sprach in der Festrede zum Kongressauftakt über das Bild der Tierärzte in der Öffentlichkeit. Sie beklagte, dass von Gesetzgebern und Behörden immer wieder gegen den tierärztlichen Sachverstand entschieden würde, und forderte eine neue Definition der Verantwortung der Tierärzteschaft: „Weg von der Dienstleistungsfunktion für die Tierhaltenden, hin zu einer strategischen Verantwortung zur Umsetzung von Tierwohl, Tierschutz und Verbraucherschutz.“

Im Januar lag der Gedanke an Infektionsgefahr bei Kongressen noch fern. Doch Mitte Februar wurde das bisher namenlose Coronavirus auf den Namen SARS-CoV-2 getauft und trat seinen Zug um die Welt an. Auch in Deutschland gab es die ersten Fälle und wer sich auf den Weg zum nächsten Kongress, die bpt-Kleintiertagung in Bielefeld, machte, war schon ein wenig nervös.

Eine Versicherung gegen Pandemien

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Digitalisierung in der Tiermedizin

Digitalisierung war schon zu Jahresbeginn in aller Munde. In Bielefeld wurde vorausschauend über Chancen und Risiken der Telemedizin diskutiert. Die Krise hat diese Entwicklung sehr beschleunigt. 

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Daneben bewegte uns im Februar die neu eingeführte Notdienstgebühr, ein Versuch, den Nacht- und Wochenenddienst weiterhin zu finanzieren. Doch 50 Euro zusätzlich können den Spagat zwischen dem Anspruch, als Mediziner kranken Tieren rund um die Uhr Nothilfe zu leisten, und der Tatsache, dass eine solche Dienstleitung wirtschaftlich und arbeitsrechtlich kaum zu stemmen ist, nicht auflösen.

Tiermedizin ist systemrelevant

Reine Dienstleister? Oder den Humanmedizinern gleichgestellte, unverzichtbare Ärzte für Tiere? Diese Frage bekam schon kurz darauf existenzielle Bedeutung. Im März wurde COVID-19 zur Pandemie erklärt, auch in Deutschland stiegen die Infektionszahlen rapide an. Die Tierärzteverbände wandten sich in einem Brandbrief an Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner: Tierärzte, Tiermedizinische Fachangestellte und Tierpfleger sollten unverzüglich als systemrelevante Berufe eingestuft werden. Mit Erfolg: Ende März konnten die Praktiker aufatmen. Ihre Systemrelevanz wurde von der Bundesregierung offiziell bestätigt.

Tierarztpraxen blieben geöffnet, als in Deutschland Schulen, Restaurants und Geschäfte schlossen. Anders als in vielen Bereichen der Wirtschaft herrschte in der Veterinärbranche kein Stillstand. In der Krise taten Tierärzte sehr schnell alles dafür, ihre Patienten weiter versorgen zu können. Am Empfang wurde Plexiglas installiert, große Kliniken führten epidemiologische Teams ohne Kontakt zueinander ein, um im Infektionsfall nicht komplett auszufallen. Eine Ausnahmeregelung für das Arbeitszeitgesetz erlaubte sogar Zwölf-Stunden-Schichten. Die Praxen waren meist voll, zusätzliche Hygieneregeln kosteten Zeit und Nerven. Zeitweise war es schwierig, an Materialien wie Masken, Einmalhandschuhe oder Desinfektionsmittel zu kommen. Viele mussten zu Hause ihre Kinder betreuen, dafür waren Treffen mit Freunden oder der Ausgleich im Fitnessstudio nicht mehr möglich.

Viele Praxen sagten aufgrund der schwierigen Umstände ihren Praktikanten zunächst ab. Ausbildung bleibt aber auch in der Krise wichtig, deshalb ergriffen BVVD und bpt die Initiative und unterstützten die Studierenden bei der Suche nach extramuralen Praktikumsplätzen.

Wirtschaftlich bleibt die Veterinär-Branche stabil

Eine Wirtschaftsumfrage des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte, an der 755 Praxis- und Klinikinhaber teilnahmen, zeigte, dass sich der Kraftakt in der Krise gelohnt hat: Die Umsätze deutscher Tierärzte waren im Frühjahr weitgehend stabil geblieben. In Großbritannien und Frankreich durften die Praxen hingegen nur noch Notfälle behandeln und verzeichneten Umsatz­einbußen von bis zu 50 Prozent. Langfristig wird es wohl kaum zu vermeiden sein, dass auch deutsche Tierarztpraxen die Wirtschaftskrise zu spüren bekommen. Aber es macht Mut, dass sich auch in der Pandemie bewahrheitet hat, was sich schon in früheren Krisen zeigte: Begleittiere sind für ihre Besitzer vollwertige Familienmitglieder, an denen sie zuallerletzt sparen. Gerade in Zeiten reduzierter sozialer Kontakte wird manchem der große Wert der vierbeinigen Freunde bewusst. Bei Züchtern und in den Tierheimen waren Welpen gefragt wie nie.

Hilfe aus der Tiermedizin wurde abgelehnt

Dennoch blieb ein Stachel: Es war eben keine Selbstverständlichkeit, dass Veterinärmedizin unverzichtbar ist. In einigen Bundesländern wurde die Systemrelevanz noch monatelang infrage gestellt, Tierärzte hatten Probleme, während der Schließzeiten der Schulen und Kindergärten eine Notbetreuung für ihre Kinder zu bekommen.
Als Mediziner spürten Tierärzte weltweit eine besondere Verantwortung für den Kampf gegen das Virus. Selbstverständlich spielen veterinärmedizinische Institute eine große Rolle in der Forschung zu Impfstoffen und Therapeutika gegen SARS-CoV-2. Ämter und Tierkliniken spendeten Schutzkleidung und Beatmungsgeräte. In einigen Ländern halfen Kollegen in der Not sogar am Krankenbett aus. Hierzulande sprangen im April schnell Veterinärlabore ein, als das Volumen der Corona-PCRs anstieg. Doch ein Entwurf des Corona-Gesetzes, der diese „Hilfe durch Tierärzte“ vorsah, wurde gekippt. Die Politik verzichtete auf die zusätzlichen Testkapazitäten und stellte die Qualität der Untersuchungen in tiermedizinischen Laboren infrage. Erst als die Testkapazitäten im November wieder sehr knapp wurden, holte man die veterinärmedizinischen Labore doch noch ins Boot.

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Schlachthof-Schließungen und Afrikanische Schweinepest

Der Sommer brachte eine kleine Atempause und im Alltag ein Stück neue Normalität. Doch nicht überall: Ausgerechnet die Schlachthöfe erwiesen sich als Corona-
Hotspots. Einige mussten über Wochen schließen, alle fuhren Kapazitäten herunter. Schlachthofpraktika für Tiermedizin-Studierende wurden ein Ding der Unmöglichkeit. Die Ausbrüche trugen immerhin dazu bei, dass die häufig katastrophalen Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie ins Blickfeld von Medien und Politik gerieten. Doch Tierärzteverbände warnten, dass ein „Schweinestau“ im Stall gerade bei Sommerhitze zu großem Tierleid führen könne.

Die Probleme der Schweinehalter verschärften sich, als Anfang September auf einem abgeernteten Maisfeld in Brandenburg der stark verweste Kadaver eines Wildschweins gefunden wurde. Die Untersuchung am Friedrich-Loeffler-Institut ergab am 10. September: Die Afrikanische Schweinepest ist in Deutschland angekommen. Damit hatten die Experten zwar seit Längerem gerechnet, aber auf Aufschub gehofft: „Das Virus des Jahres konnte es ja nun nicht mehr werden“, sagte Präsident Thomas Mettenleiter in seiner Ansprache zur Eröffnung des digitalen DVG Vet-Congress im Oktober. Dennoch hat es sich über die Grenze zu Polen nach Deutschland ausgebreitet, bis Ende Oktober waren über hundert Fälle zu verzeichnen. Der Preis für Schweinefleisch fiel, Schweinehalter bezeichneten die Situation am Markt schnell als „desaströs“. Die Corona-Pandemie begrenzte weiterhin die Schlachtkapazitäten, bei Ferkelerzeugern und Mästern stauen sich im Spätherbst die Tiere.

West-Nil-Virus und Geflügelpest

Und das war noch nicht alles: Vermutlich infolge des Klimawandels verbreiten Stechmücken jetzt auch in Deutschland das West-Nil-Virus, Vögel, Pferde und Menschen infizierten sich. Für Pferde wird eine Impfung empfohlen, Menschen aus Risikogruppen riet das Robert Koch-Institut, sich vor Stichen zu schützen. Und Ende Oktober kam auch die Geflügelpest mit dem Vogelzug wieder zu uns und verbreitete sich an Deutschlands Küsten.

Mettenleiter sprach beim Vet-Congress ganz passend über Pandemien und Tierseuchen. In krassem Gegensatz zum Gedränge in Leipzig am Jahresbeginn musste die Präsenzveranstaltung wegen hoher Neuinfektionsraten in Berlin-Neukölln komplett abgesagt werden. Der Präsident des FLI saß in seinem Büro auf der Insel Riems, die Zuhörer vor ihren Bildschirmen in ganz Deutschland. Doch wie Kerstin Tackmann beschäftigte sich auch Thomas Mettenleiter unter anderem mit dem Bild der Tierärzte in der Öffentlichkeit. Er sagte, SARS-CoV-2 illustriere sehr gut, wie wichtig der One-Health-Ansatz sei. Der Gedanke, dass die menschliche Gesundheit mit der von Tier und Umwelt eng verbunden ist, sei nicht neu, aber in diesem Jahr vielleicht aktueller denn je. Momentan fehle in Humanmedizin und Politik jedoch noch häufig der Blick über den Tellerrand: „Es gibt noch viel zu tun in der Akzeptanz.“

Zoonosen und Pandemien: Der Mensch ist Teil des Tierreichs

Professor Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts, hält den Festvortrag zur Eröffnung des digitalen DVG Vet-Congress.
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Im Herbst nahm SARS-CoV-2 erneut Schwung auf und zur Weihnachtszeit befinden wir uns erneut im Lockdown. In Deutschland sind bereits über 25.000 Menschen an COVID-19 gestorben. Wir sind dünnhäutig geworden. Aber die Tierarztpraxen und -kliniken werden auch in diesem Winter geöffnet sein. Überall wird jetzt gut durchgelüftet, alle Fenster aufgerissen. Vielleicht reduziert der frische Wind nicht nur das Ansteckungsrisiko, sondern bringt uns auch die eine oder andere willkommene Veränderung.

Dieser Artikel ist zuerst in der Dezember-Ausgabe von Der Praktische Tierarzt erschienen. Aktuelle Artikel aus allen tiermedizinischen Fachgebieten, News und Tipps zum Praxismanagement gibt es im kostenlosen vetline.de-Newsletter. Jetzt anmelden!

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