Diagnose „Burnout“:
Angeblich leiden
immer mehr Berufstätige
unter der neuen
Volkskrankheit.
Was ist dran am
Leiden der Tüchtigen
und was können
Betroffene tun?
Der Mann war mitfühlend und
hingebungsvoll. Ein Helfer, wie er
im Buche steht. Selbstlos setzte Dr.
B. sich ein, um anderen beizustehen.
Nicht für Geld, denn zu verdienen
gab es dabei kaum etwas,
sondern aus innerem Antrieb. Doch
der Job forderte seinen Preis. Oft genug
blieben Freizeit und Privatleben
auf der Strecke. Ankerkennung
für das Geleistete gab es nur selten.
Schon bald traten Überdruss und
schmerzliche Ernüchterung an die
Stelle des früheren Idealismus. Der
Elan, schien es, war dahin.
Sich durch das eigene Engagement
emotional verschleißen, am
Ende wie ein überheizter Ofen
buchstäblich innerlich ausbrennen
– so beschreiben Psychologen den
typischen Verlauf eines Burnout-
Syndroms: der Krankenpfleger, der
seinen Schwung verloren hat und
nur noch Dienst nach Vorschrift
schiebt; der engagierte Tierarzt, der
zum kalten Zyniker geworden
ist; der Kreative, der mit sich hadert,
weil ihm die Ideen ausgehen.
Burnout, so scheint es, ist allgegenwärtig.
Zuviel Anteilnahme
am Schicksal der anderen
In den siebziger Jahren vom Psychoanalytiker
Herbert Freudenberger
erstmals auf ein berufsbedingtes
seelisches Leiden angewandt,
fand der Begriff schnell Aufnahme
in das Vokabular von Medizinern
und Arbeitspsychologen. Burnout,
so Freudenbergers Befund, zeige
sich in einer „Erschöpfung der
Energiereserven, die von Vertretern
der helfenden Berufe empfunden
werde, wenn sie sich von deren Problemen
überfordert fühlen“. Neuere
Definitionen relativieren diese
Aussage. Statt Überforderung
rückt stärker die „seelische Beteiligung
am Schicksal der Betreuten“
in den Mittelpunkt. Auch die Beschränkung
auf die Angehörigen
der helfenden Berufe gilt zunehmend
als überholt. Burnout, heißt
es heute, könne jeden treffen.
Dabei ist nach wie vor umstritten,
ob es sich bei dem „psychovegetativen
Erschöpfungszustandes“,
so die offizielle Bezeichnung,
überhaupt um eine eigenständige
Krankheit handelt. Zu unscharf sei
der Begriff, monieren Kritiker, zu
groß die Überlappungen mit anderen
psychischen Störungen wie der
Erschöpfungsdepression oder dem
chronischen Müdigkeitssyndrom
CFS.
Die Fallensituation als Auslöser
Immerhin: Es fehlt nicht an Diagnosekriterien.
Gut 130 Symptome
nennt der Psychologe Matthias Burisch,
Privatdozent an der Uni
Hamburg und in Deutschland einer
der führenden Burnout-Experten,
in einem von ihm verfassten Standardwerk*.
Leider gilt kaum eines
davon ausschließlich für das Burnout-
Syndrom. Dennoch spricht
nach Burisch einiges für ein eigenständiges
Krankheitsbild. „Burnout
hat eine benennbare Ursache“,
glaubt der Psychologe. „Der Betreffende
befindet sich in einer „Fallen-
Situation“, der er schwer ausweichen
kann.“ Oft sei das eine
ökonomische Zwangslage – etwa
nach Gründung einer eigenen Praxis
–, die es für Betroffene schwierig
mache, einen Ausweg aus ihrer Situation
zu finden. „Der subjektive
Preis, da rauszugehen und frisch
durchzustarten“, weiß Burisch, „ist
hoch.“
Für die Betroffenen ist das ein
handfestes Dilemma. Abstand wäre
dringend nötig, um die eigene Situation
klar zu erkennen. Vier
Kernsymptome nennen Fachleute,
an denen gefährdete Personen feststellen
können, ob bei ihnen bereits
ein Burnout-Syndrom vorliegt.
- Emotionale Erschöpfung: Höhen
und Tiefen im Alltag werden
nicht mehr wahrgenommen.
- Unzufriedenheit und negative
Einstellung zur Arbeit.
- Überdruss und schnelles Ermüden.
- Depersonalisation: Andere Personen
und Patienten werden nur
noch als Objekte wahrgenommen.
In der Endphase kann es zu
schweren Depressionen, Berufsunfähigkeit
und Vereinsamung, in besonders
dramatischen Fällen sogar
zum Selbstmord kommen. Glücklicherweise
treten solche Reaktionen
nicht über Nacht auf. Voraus geht in
der Regel eine über mehrere Monate
oder Jahre dauernde Entwicklung,
die den Verlauf einer absteigenden
Kurve beschreibt.
Matthias Burisch: „Selbstverbrenner
setzen sich hohe Ziele. Am
Anfang steht großer Idealismus,
unbezahlte Überstunden und Überengagement.“
Wie jeder andere will
auch der Burnout-Kandidat irgendwann
eine Belohnung für seine
Bemühungen sehen. „Stellt sich
nicht bald ein Erfolg ein, kommt es
zur Krise“, warnt Burisch. „Erste
Rückschläge treten auf. Dann folgt
das große Tief.“ Meistens gelingt es
den Betroffenen zunächst, sich am
eigenen Schopf aus dem seelischen
Sumpf zu ziehen. Weil aber die
Handlungs- und Denkmuster unverändert
bleiben, ist das nächste
Tief vorprogrammiert.
Die Ursachen für psychisches
Ausbrennen können vielfältig sein:
Schlechte Arbeitsorganisation und
schlechtes Betriebsklima, zuviel
Routine, Überforderung, Zeit- und
Termindruck und zuwenig Rückmeldung
gelten als Risikofaktoren,
ebenso wie die Doppelbelastung
durch Arbeit und Familie, die Vorgabe
unrealistischer Ziele oder die
Unfähigkeit, sich abzugrenzen. Offenbar
erhöhen die Arbeitsbedingungen
der heutigen Leistungsgesellschaft
die Gefahr, an einem
Burnout-Syndrom zu erkranken. In
einer repräsentativen Umfrage, die
das Emnid Institut Mitte der 90er
Jahre unter 2000 Arbeitnehmern
und -nehmerinnen durchgeführt
hat, gab jeder Vierte der Befragten
an, sich durch die Arbeit ausgebrannt
zu fühlen.
Nicht mehr abschalten können –
ein erstes Alarmzeichen
Weil die Entwicklung schleichend
verläuft, merken die Betroffenen
meist erst spät, dass sie sich in
einem Burnout-Prozess befinden.
Die Situation wird so lange ignoriert,
bis erste körperliche Beschwerden
auftreten. „Aufpassen
sollte, wer abends nicht abschalten
kann“, empfiehlt Burisch. „Wenn
kein Gegenprogramm mehr existiert,
ist das ein klassisches
Frühwarnsymptom.“ Oft ist es
dann noch möglich, sich selbst aus
der Zwangslage zu befreien. Vorausgesetzt,
es gelingt, neben sich zu
treten und die eigene Situation kühl
zu analysieren. Mitunter kann eine
Supervision hilfreich sein. „Vor allem
reden, reden, reden!“ rät
Burisch. „Wenn möglich den Lebenspartner
einbeziehen.“ Und
wenn nichts hilft, solle niemand davor
zurückscheuen, auch professionelle
Hilfe zu suchen.
Tipps zum Weiterlesen
Matthias Burisch: Das Burnout-Syndrom.Theorie der inneren
Erschöpfung, Springer 1994.
Axel Koch und Stefan Kühn: Ausgepowert? Hilfen bei Burnout,
Stress, innerer Kündigung,Gabal 2000.
Eckhart H. Müller: Ausgebrannt – Wege aus der Burnout-
Krise,Herder 2000.