Im Jahr 1666 informierte Samuel
Pepys, populärer Hauptstadtchronist
zu Zeiten König Karls II., seine
Leser über einen Vorfall, dessen
Zeuge er anlässlich einer Tagung
des renommierten Londoner Gresham
Colleges geworden war.
Während einer medizinischen Demonstration
wurde das Blut eines
Hundes durch Verbindung zweier
Schlagadern direkt in einen Artgenossen
übertragen – ein Versuch
mit teilweise tödlichem Ausgang.
Pepys Bericht zufolge überlebte lediglich
der Empfänger die martialische
Prozedur. Der Spender war
aufgrund des großen Blutverlusts
sofort gestorben.
Das von Pepys dokumentierte
Experiment war nur eines von vielen,
wie sie im siebzehnten Jahrhundert
in vielen europäischen
Ländern Mode waren. Längst hat
sich die Technik der Blutübertragung
von einem obskuren Experimentierfeld
zu einem unverzichtbaren
Bestandteil bei der Therapie
von akuten und chronischen Blutverlusten entwickelt. Doch glaubt
man der Einschätzung von Experten,
werden Blutransfusionen,
während sie in der Humanmedizin
zum etablierten Standard gehören,
in der Tiermedizin keineswegs überall
dort angewandt, wo sie nötig
wären. Der Grund: Während auf
der einen Seite immer teurere Medikamente
entwickelt werden, fehlt
es gerade bei Notfällen oftmals am
dringend benötigten Spenderblut.
Vorbild Amerika
Für Pat Kaufmann war dieser Mangel
Ansporn, etwas dagegen zu tun.
Nachdem sie die Folgen des Blut-
Notstandes selbst schmerzlich zu
spüren bekommen hatte – der eigene
Hund war auf dem OP-Tisch gestorben
– gründete die gelernte Agrarbiologin in den achtziger Jahren
in Kalifornien die weltweit erste
kommerzielle Blutbank für Tiere.
Inzwischen hat Kaufmanns Beispiel
Schule gemacht. Wer sich heute
als Tierarzt in den Vereinigten
Staaten mit Blutprodukten versorgen möchte, kann zwischen drei
kommerziellen Anbietern wählen.
Vier derartige Einrichtungen werden
an Universitätskliniken unterhalten.
Während eines USA-Aufenthalts
lernte Barbara Kohn, Tierärztin
an der Klinik für Kleine Haustiere
der FU Berlin, die Arbeit einer
solchen Blutbank an der Universität
von Pennsylvania in Philadelphia
kennen – und fand die Idee
nachahmenswert. „Ich habe dann
versucht, etwas nach diesem Vorbild
auch hier zu etablieren“, sagt
Kohn. Mit Erfolg: Als die Tierblutbank
der Freien Universität 1996
ihren Betrieb aufnahm, war dies in
der deutschen veterinärmedizinischen
Landschaft ein echtes Novum.
Wie beim amerikanischen Vorbild
bildete ein Freiwilligenprogramm
die Basis des Vorhabens:
Über Aushänge und direkte Ansprache
wurden Patientenbesitzer,
Studenten, Mitarbeiter und sogar
die Polizei motiviert, ihre Hunde
zum Blutspenden zur Verfügung
zu stellen. Alle Tiere, die an dem
wissenschaftlich begleiteten Projekt
teilnahmen, sollten jährlich gegen
Staupe, Hepatitis, Tollwut,
Leptospirose und Parvovirose
geimpft, regelmäßig entwurmt sein
und zum Zeitpunkt der Blutspende
keine Medikamente erhalten. Vor
jeder Blutentnahme gab es eine klinische
sowie eine hämatologische
und klinisch-chemische Blutuntersuchung.
Wandel in der kurativen Praxis
Nach Angaben von Barbara Kohn
und ihren Mitarbeitern hat der Aufbau
der Blutbank in der Kleintierklinik
der Freien Universität Berlin
zu einem Wandel in der kurativen
Praxis geführt: Durch den Einsatz
von Kühlzentrifuge und Plasmapresse
ist es jetzt möglich, zelluläre
und plasmatische Bestandteile des
Blutes zu trennen und zum Teil längere
Zeit einzulagern. Das, so
Kohn, ermögliche einen effizienteren
Ersatz der von den Patienten
benötigten Blutbestandteile. Wurden
vor der Einrichtung der Blutbank
ausschließlich Vollbluttransfusionen
vorgenommen, betrug
deren Anteil an allen verabreichten
Blutkomponenten danach nur noch
etwa 14 Prozent. Heute werden je
nach Indikation Vollblut, Erythrozytenkonzentrat
oder verschieden
aufbereitetes Plasma transfundiert.
Vorteile dieser sogenannten Komponententherapie:
- Der Inhalt einer Spende kommt
gleich mehreren Patienten zugute.
- Unterschiedlich haltbare Komponenten
können individuell gelagert
werden.
- Da nicht jedes Mal zelluläre Bestandteile
übertragen werden,
verringert sich das Risiko von
Transfusionsreaktionen.
Die Vorzüge der Berliner Blutbank
genießen allerdings ausschließlich die
Patienten der FU. Aus rechtlichen
Gründen und wegen der nur begrenzt
zur Verfügung stehenden Menge
können die Blutprodukte nicht an
Dritte weitergegeben werden. Wer also
bei einem Notfall im eigenen OP
dringend Blut benötigt, wäre wohl
auch weiterhin auf die nicht unumstrittene
Behelfsalternative angewiesen,
den eigenen Hund zur Ader zu
lassen oder schnell einen Hundehalter
aus der Bekanntschaft des Patientenbesitzers
zu mobilisieren.
„Auch wir haben so angefangen“,
bekennt Gerhard Staudacher,
Mitinhaber einer tierärztlichen Klinik
in Aachen und seit kurzem Betreiber
der einzigen vom BgVV zugelassenen
kommerziellen Hunde- und Katzenblutbank.
Seit knapp einem Jahr können
Tierärzte aus dem gesamten Bundesgebiet
von hier aus Frischgefrieroder
Gefrierplasma und Erythrozytenkonzentrat
für die eigene Praxis
anfordern.
Rechtliche und technische Hürden
Die Probleme, ein solches Projekt auf
die Beine zu stellen, seien enorm gewesen,
sagt Staudacher: „Es hat Jahre
gedauert, bevor es überhaupt ein
Verfahren gegeben hat, nach dem eine
Tierblutbank zugelassen werden
konnte.“ Weil die Aachener Blutprodukte
anders als in Berlin an Dritte
weitergereicht werden, gelten sie
rechtlich als Arzneimittel; Herstellung
und Verbreitung mussten nach
Paragraph 13 des Arzneimittelgesetzes
erst genehmigt werden. Mehrere
kostspielige Prüf-Audits, bei denen
tierärztliche und pharmazeutische
Experten die Abläufe in Aachen begutachteten,
waren dazu nötig.
Größer noch als die rechtlichen
waren die technischen Hürden. Neben
dem kontrollierten Einfrieren
bestand laut Staudacher die größte
Schwierigkeit darin, den Transport
der empfindlichen Ware zu bewältigen.
Um während des gesamten
Weges die Temperatur der Produkte
bei minus 20 Grad zu halten, musste
eigens ein Kühlsystem entwickelt
werden.
Denn anders als die kommerziellen
Blutbanken in den USA, die ihre
zellulären Produkte ausschließlich
frisch vertreiben, liefert die unter
dem Firmennamen ax-pharma eingetragene
Aachener Blutbank außer
den gefrorenen Plasmaprodukten
auch Erythrozyten in gefrostetem
Zustand aus.„Wie der Humanmediziner
macht auch ein Tierarzt die
Transfusionsmedizin dann gut,
wenn er das Blut in dem Moment zur
Verfügung hat, wo er es braucht, und
nicht erst bestellen muss“, meint
Staudacher. Die Möglichkeit, erstmals
auch Erythrozyten, die im
Kühlschrank spätestens nach
dreißig Tagen verderben würden, bis
zu drei Jahren im Gefrierschrank zu
lagern, eröffne hier neue Möglichkeiten.
Freiwilligkeit als Prinzip
Der Tierarzt Jan Rehders, wissenschaftlicher
Leiter beim veterinärpharmazeutischen
Unternehmen cp-
Pharma, das die Aachener Blutprodukte
vertreibt, glaubt, dass sich
das Niveau in der tiermedizinischen
Behandlung durch solche Angebote
steigern lässt: „Es hat sich in den letzten
Jahren gezeigt, dass Tierhalter immer
mehr Geld für ihre Tiere ausgeben,
und dann wird natürlich auch die
bestmögliche Medizin verlangt.“ Weil
Tierblut in standardisierter Qualität
bisher jedoch nicht frei erhält-
lich war, würden manche Kollegen
den immerhin nicht ganz billigen Produkten
noch zögerlich gegenüberstehen.
Rehders sieht dennoch gute
Wachstumschancen für den neuen
Markt: „Ich denke, für Kollegen, die
sich einer solchen Maßnahme aufgeschlossen
zeigen, liegt darin ein echter
Wettbewerbsvorteil.“
Wie in Berlin basiert auch die
Arbeit der Aachener Blutbank auf einem
Freiwilligen-Programm. Gerhard
Staudacher wendet sich gezielt
an solche Hunde- oder Katzenhalter,
deren Schützlinge ihm bezüglich Gewicht
und Gesundheitszustand als
Spender geeignet erscheinen. Zeigen
sich die Besitzer kooperativ, werden
zunächst etliche Checks und Voruntersuchungen
am Tier vorgenommen,
bevor es dann zum ersten Blutspendetermin
kommt. Eine materielle Vergütung
gibt es nicht, dafür aber die
Garantie, dass der Gesundheitszustand
des tierischen Hausgenossen
besonders intensiv überwacht wird.
Bei allem Pioniergeist ziehen sowohl
der Aachener Tierarzt wie auch
seine Kollegin von der FU Berlin in ihrer
Arbeit eine klare ethische Grenze.
Auch wenn die zeitraubenden Rekrutierungsprogramme
einen vergleichsweise
hohen organisatorischen
Aufwand bedingen, lehnen es
beide ab, Tiere ausschließlich für
Blutspendezwecke zu halten – ein
Verfahren, wie es an den kommerziellen
Blutbanken Amerikas zum Teil üblich
ist. „Ich sehe es nicht ein“, meint
Staudacher, „einen Hund mehr oder
weniger gefangen zu halten, nur um
ihn später zu melken. Das ist nicht
fair, und es ist auch nicht nötig.“