Die schlechte Vitamin E Versorgung
bei an EMND erkrankten Pferden ist
nicht nur auf eine mangelnde Vitamin
E-Aufnahme, sondern vermutlich
auch auf eine veränderte Bioverfügbarkeit
oder übermäßigen Verbrauch
zurückzuführen.
Die Krankheitsgeschichte und die Ursachen
der Equinen Motor Neuron Disease
(EMND) sind bisher weitgehend ungeklärt.
Bei den erkrankten Pferden
konnte jedoch ein niedriger Vitamin
E-Status und eine oxidative Störung der
somatischen efferenten Motoneurone
festgestellt werden. In nordamerikanischen
Studien trat das EMND nach begrenztem
oder mangelndem Zugang zu
Grünfutter oder nach einer Vitamin
E-Diät auf. Als weitere Risikofaktoren
stellten sich in diesem Zusammenhang
zum Beispiel die Fütterung von Konzentraten
und süßen Futtermitteln, die
geographische Lage, das Alter, die Rasse
sowie Krippenbeißen, Koprophagie
in der Vorgeschichte und das Fehlen eines
Impfschutzes gegen Tollwut heraus.
Die bisher in Europa bekannten
Fälle von EMND traten jedoch auch bei
Weidepferden mit unterschiedlich ausgedehntem
Zugang zu Grünfutter auf.
Über die Epidemiologie in Europa ist
bisher wenig bekannt. Um epidemiologische
Risikofaktoren zu erkennen und
mit den Ergebnissen aus Nordamerika
vergleichen zu können, entstand vorliegende
Studie, die Informationen über
32 histopathologisch oder per Biopsie
gesicherte Fälle des EMND zwischen
1996 und 2004 enthält. Es handelte sich
um Pferde von unterschiedlicher Rasse
und Geschlecht. Sie stammten nahezu
alle aus Einzelhaltungen, von der Reitschule
und Mietställen bis zu Bauernhöfen
und Gestüten. Der größte Teil der
Pferde wurde auch bei Stallaufenthalt
einzeln und nicht in Gruppen gehalten.
Durch einen Fragebogen, der den Besitzern
zur Beantwortung vorgelegt wurde,
konnten wichtige klinische Anzeichen
sowie Umgebungs- und Managementfaktoren
und auch Unterschiede in
der Fütterung dargestellt werden. Dreizehn
der insgesamt 32 Pferde hatten teilweise
oder über den ganzen Zeitraum
Zugang zu Grünfutter. Der Rest hatte
während des Jahres keinen Weidegang,
oder bei wenigen maximal ein Stunde
pro Tag. 94 % der Pferde erhielten Futtermittelkonzentrate
und wurden zugefüttert
mit Heu, Silage und Luzerne.
Hinzu kamen noch diätetische Supplemente
wie Biotin, Öl, Multivitamine und
Salzlecksteine. Die vorherige Nutzung
der Weiden durch andere Tiere erscheint
im Zusammenhang mit dem EMND bedeutungslos.
Auch die Düngung oder
Behandlung der Weiden mit Insektiziden
oder Herbiziden stellten kein Risiko
dar. Die häufigsten klinischen Symptome
waren Gewichtsverlust, Atrophie
der Hintergliedmaßen sowie der Muskeln
im Nacken und am Rücken, allgemeine
Schwäche, Muskelzittern der
Vorder- und Hintergliedmaßen, exzessives
Schwitzen, Schwierigkeiten beim
Aufstehen, oder Polyphagie. Differentialdiagnostisch
kann eine Spurenelementtoxikose
ähnliche Symptome hervorrufen.
72 % der Pferde wurden mit
Vitamin E Supplementation in einer Dosierung
zwischen 5000 und 7000 IE behandelt.
Bei 45 % dieser Fälle trat eine
Verbesserung der klinischen Symptome
ein. Trotzdem wurden insgesamt 69 %
der Tiere aufgrund der EMND-Symptomatik
euthanasiert. Sowohl die Pferde
mit Zugang zu Grünfutter als auch die
Tiere ohne Weidegang wiesen einen geringen
Vitamin E Status auf, wobei der
Unterschied zwischen beiden Gruppen
zu vernachlässigen ist. Da eine Vitamin
E Supplementation bei Weidepferden
bisher nie als erforderlich erachtet wurde,
und auch nicht von einem Mindergehalt
des Grünfutters an Vitamin E ausgegangen
werden kann, scheint der Vitamin
E-Status der erkrankten Pferde
nicht der einzige Risikofaktor für die
EMND-Ausbrüche zu sein. Es werden
Störungen bei der Absorption oder Retention
des Vitamins vermutet. Entweder
handelt es sich um eine Dysfunktion
des Darmepithels bei der Aufnahme
oder aber es liegen verdrängende Faktoren
vor, wie z. B. große Mengen mehrfach
ungesättigter Fette. Möglich wäre
auch ein übermäßiger Verbrauch von Vitamin
E aufgrund des vermehrten Kontaktes
zu Oxidantien, wie Eisen oder
Cadmium in der Umgebung. Weitere
Risikofaktoren für das Auftreten des
EMND kristallisierten sich in der europäischen
Studie leider nicht heraus,
was vermutlich auf die geringe Probandenanzahl
zurückzuführen ist.
Abschließend lassen die Ergebnisse
der Studie darauf schließen, dass es
sich bei der EMND um eine multifaktorielle
Erkrankung handelt.
(Quelle: B.C. McGorum, I. G. Mayhew et al. (2006):
Horses on pasture may be affected by equine
motor neuron disease. Equine vet. J. 38 (1),
47–51.)