Zwei Fälle autochthoner Leishmaniose in Brandenburg
[10.08.2008]
PERCY: In Brandenburg wurde bei zwei Golden Retrievern
2002 und 2005 eine Leishmaniose diagnostiziert.
Beide Hunde hatten Berlin / Brandenburg nie verlassen und
hatten nie eine Bluttransfusion erhalten. Zwischen den beiden
Hunden kam es ein Jahr vor der Erstvorstellung des ersten
Patienten zum Deckakt. Dieser Hund hatte regelmäßigen
Kontakt zu einem in Spanien lebenden Hund, der allerdings
einen negativen Leishmaniose-Titer aufwies.
Im August 2002 wurde der Rude namens "Percy" erstmal
in der Klinik fur kleine Haustiere der FU Berlin vorgestellt.
Seit etwa drei Monaten litt der Hund an gestörtem Allgemeinbefinden,
Polyurie/Polydipsie, wechselnden Appetit,
Schmerzen beim Laufen und intermittierenden Fieberschuben.
Wegen des Verdachts auf Borreliose wurde der Hund
erfolglos mit Antibiotika und Prednisolon vorbehandelt. Auffallend
bei der Erstuntersuchung war das reduzierte Allgemeinbefinden
und ein klammer Gang sowie generalisierter
Gelenkbiegeschmerz der Gliedmaßen und der Halswirbelsäule.
Röntgenologisch waren eine Splenomegalie und eine
vermehrte Schwellung der Gelenke erkennbar. Eine Blutkultur,
der Test auf antinukleare Antikorper und die serologische
Untersuchung auf Anaplasma phygozytophylium waren negativ.
Die Synovia mehrerer Gelenke war hochgradig verändert:
vermehrt, trub, wassrig mit einem Proteingehalt von
50-60 g/l, 15.000-31.000/µl kernhaltiger Zellen mit massiven
Gehalt an neutrophilen Granulozyten. Die aerobe und anaerobe
mikrobiologische Untersuchung, ebenso die PCR-Untersuchung
auf Borrelien der Gelenkpunktate war negativ.
"Percy" wurde mit Doxycyclin (5 mg/kg 2x/d) und analgetisch
zunächst mit Metamizol (20 mg/kg 2-3x/d) später mit
Prednisolon (1 mg/kg 2x/d) sowie Ranitidin (1 mg/kg 2x/d)
behandelt. Der Zustand des Hundes besserte sich nur mäßig.
Nach vier Wochen traten erneut Fieberschube bis 41°C
auf. Erst bei der Untersuchung des Knochenmarkaspirats
konnten in Makrophagen massenweise amastigote Leishmanien
nachgewiesen werden. Eine im Anschluss erfolgte
serologische Untersuchung auf Leishmania infantum mittels
Immunflureszenzantikörpertest ergab einen Titer von 1:32
(fraglich). Daraufhin bekam "Percy" Allopurinol (15 mg/kg
2x/d p.os) sowie N-Methylglucamin-Antimonat-Injektionen
(GlucantimeR, 100 mg/kg) über 20 Tage. Nach 20 Tagen
wurde die Allopurinoldosis auf 10 mg/kg 2x/d reduziert.
Das Allgemeinbefinden des Hundes besserte sich rasch, die
Laboruntersuchungen nach 1,5 und 3 Jahren waren unauffällig.
Auch die Hündin "Donna" wurde an der FU Berlin vorgestellt.
Sie hatte seit zwei Jahren bestehende Veranderungen
des Nasenspiegels in Form von deutlichen Ulzerationen der
Schleimhaut mit erhohter Blutungsneigung. Die Hündin hatte
wie "Percy" nie die Region Berlin/Brandenburg verlassen
und hatte nie eine Bluttransfusion erhalten. Allerdings wurde
sie von "Percy" im Alter von drei Jahren (2001) gedeckt und
warf neun Welpen. Die Laboruntersuchung ergab eine Anämie,
Azotamie und Hyperglobulinämie. Der Test auf antinukleare
Antikörper war bei ihr negativ, allerdings ergab die
serologische Untersuchung auf Leishmania infantum einen
Titer von 1:512. Die Leishmaniose wurde bei "Donna" ebenso
wie bei "Percy" mit Allopurinol (10 mg/kg 2x/d) behandelt.
Die Nasenveränderungen wurden lokal im täglichen Wechsel
mit antibiotischer Salbe (Oxytetrazyklin) und Panthenolsalbe
therapiert. Die Nasenveranderungen heilten vollständig ab.
Die Nierenwerte stiegen zunächst trotz Therapie weiter an,
fielen dann jedoch ab. Die Hyperglobulinämie blieb über den
gesamten Zeitraum bestehen. Aus der Verpaarung der beiden
Elterntiere gingen neun gesunde Nachkommen hervor. Fünf
dieser Nachkommen konnten im Alter von fünf Jahren auf
Leishmaniose negativ getestet werden.
Die Leishmaniose ist eine häufig importierte parasitäre
Erkrankung des Hundes in Deutschland. Die Zahl der infizierten
Tiere, die aus endemischen Gebieten stammen, oder
sich als Reisebegleiter in den Mittelmeerraumländern aufgehalten
haben, hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen.
Zu beachten ist jedoch auch, dass die Zahl der Berichte
über Leishmaniose-Infektionen bei Individuen, die nie in
endemischen Gebieten waren und nicht aus solchen stammen,
zunimmt. So wurden in den USA und Kanada bei 41
% der Foxterrier eine viszerale Leishmaniose diagnostiziert,
obwohl ein Teil der Hunde nie in endemischen Gebieten war.
Aus diesem Grund wird vermutet, dass neben der vektorabhängigen
Übertragung auch weitere direkte oder vertikale
Übertragungswege existieren. Bei den beiden vorgestellten
Fällen bleiben solche Überlegungen jedoch spekulativ.
Im Süden Deutschlands (am Rhein zwischen Freiburg
und Basel, an der Grenze zu Schweiz und Frankreich) wurden
bestimmte Überträger der Leishmaniose (Phlebotomus
mascittii Grassi) von Wissenschaftlern entdeckt und können
durchaus für die autochthonen Fälle der Leishmaniose-Infektion
verantwortlich sein. Weiterhin wurden Infektionen
durch direkten Kontakt mit Hautläsionen und Urin infizierter
Hunde beschrieben. Eine Infektion des Rüden „Percy“ wäre
vielleicht durch den Kontakt mit dem in Spanien lebenden
Hund möglich. Eventuell war der Hund infiziert, hatte aber
keinen Antikörpertiter zum Zeitpunkt der Diagnostik. Einzelne
Fälle aus der Humanmedizin zeigen, dass auch eine Mitnahme
eines infizierten Überträgers im Gepäck oder im Fell
zu einer Infektion in Deutschland führen kann. Der Nachweis
lebender Promastiegoten von Leishmania infantum im
Urin und Samen experimentell infizierter Hunde zeigt, dass
eine intrauterine Übertragung vorkommen kann. Außerdem
konnten Diniz et al. (2005) Leishmanien im Sperma von
seropositiven Hunden nachweisen. Somit ist eine Übertragung
durch den Deckakt bei den beiden Golden Retrievern
denkbar.
Die beiden Fälle „Percy“ und „Donna“ zeigen die breite
Palette der möglichen klinischen und labordiagnostischen
Veränderungen bei Leishmaniose: Polyarthritis, Hautveränderungen,
therapieresistentes Fieber, Anämie, Thrombozytopenie,
Azotämie, Hyperglobulinämie und Splenomegalie
und verdeutlichen, dass die Leishmaniose auch bei Hunden
ohne entsprechende Auslandsanamnese bei entsprechender
Symptomatik in die Liste der Differenzialdiagnosen mit aufgenommen
werden muss.
(Quelle: C. Kellermeier et al.: Autochthone Leishmaniose bei zwei Hunden
aus Brandenburg (2007)Kleintierpraxis 52, Heft 10, 649–653.)