Pfotenballengeschwüre aufgrund einer Futtermittelunverträglichkeit
[03.08.2009]
Pododerma titis: Ulzera der Pfotenballen sind in der Kleintierpraxis häufig die Folge von Verletzungen.
Aber auch systemische Erkrankungen können zu Pododermatitiden
mit ulzerativen Veränderungen führen. Hierbei liegt ein besonderes
Augenmerk auf immunmediierten Erkrankungen wie dem Pemphigus
vulgaris oder dem Lupus erythematodes. Ebenso kann ein
bullöses Pemphigoid solche Veränderungen hervorrufen. Weitere
Ursachen sind Leishmanioseinfektionen, Vaskulitiden oder hepatokutane
Syndrome. Allergien oder Futtermittelunverträglichkeiten
hingegen führen eher zu Pododermatitiden ohne Veränderungen
der Pfotenballen. Dass aber auch eine Futtermittelunverträglichkeit
Ursache einer primär nicht juckenden, ulzerativen Läsion an den
Pfotenballen sein kann, zeigt der folgende Fallbericht.
Ein fünfjähriger, nicht kastrierter Deutscher Schäferhund wurde
mit rezidivierenden Veränderungen an den Pfotenballen vorgestellt.
Die Veränderungen traten in Abständen zwischen vier und sechs
Wochen an unterschiedlichen Pfoten ca. zehnmal auf und wurden
zuvor als Schnittverletzungen behandelt. Die Läsionen heilten unter
Verband jedes Mal ab. Der Hund zeigte bei Auftreten der Wunden
immer eine hochgradige Lahmheit. Juckreiz bestand nicht.
Die klinische Untersuchung war bis auf die Veränderungen an
den Pfotenballen unauffällig. Bei der ersten Vorstellung konnten an
zwei Pfoten Ulzera an den Ballen beobachtet werden. Das Ballenhorn
war an diesen Stellen völlig abgehoben, wobei eine scharfe
Begrenzung zum gesunden Ballenhorn bestand.
Als Differentialdiagnosen für die klinische Präsentation kamen
Autoimmunerkrankungen wie Pemphigus vulgaris, Arzneimittelexanthem,
Lupus erythematodes und metabolische Erkrankungen in Betracht. Auch eine Vaskulitis, eine Leishmanioseinfektion oder
Allergien wurden berücksichtigt. Ungewöhnlich war für die meisten
klinischen Differentialdiagnosen die wiederholt im Vorbericht
festgestellte Abheilung unter Verband.
Im Abklatschpräparat konnten massenhaft intrazelluläre Kokken
und neutrophile Granulozyten gefunden werden. Eine Pilzkultur
war negativ. Die klinische Chemie und das Blutbild waren unauffällig,
ein ANA-Titer war negativ. Aufgrund der zytologischen und klinischen
Befunde wurde eine bakterielle Pyodermie diagnostiziert.
Zunächst wurde eine Antibiotikatherapie mit Cefalexin durchgeführt,
um die Sekundärinfektion zu behandeln und die primären
Veränderungen histologisch ohne eine solche Infektion beurteilen zu
können. Eine Woche später wurde unter Allgemeinanästhesie eine 8
mm Stanzbiopsie an der Grenze von geschwüriger zu normaler Haut
entnommen. Histopathologisch lag eine fokal erosive bis ulzerative
Dermatitis mit kompakter Hyperkeratose vor, wobei neutrophile und
plasmazelluläre Infiltrate vorlagen. Da die dermoepidermale Grenzezone
nicht verändert war, waren immunbedingte bullöse Dermatitiden
wenig wahrscheinlich.
Einige Wochen später zeigte der Hund an allen vier Pfoten Ulzera,
nachdem er zwei Wochen bei den Eltern der Besitzer verbracht hatte.
In dieser Zeit hatte er ein anderes Hundefutter sowie vermehrt Belohnungen
erhalten. Erneut wurden mehrere Biopsien aus den veränderten
Bereichen entnommen. Auch diesmal lag eine gemischtzellige, perivaskuläre,
oberflächliche Dermatitis mit zahlreichen Mastzellen vor. Für
eine Autoimmunerkrankung gab es keine Anzeichen. Wegen des hohen
Mastzellgehaltes war eine allergische Genese ursächlich nicht auszuschießen.
Aufgrund des Pathologiebefundes und des Vorberichtes wurde
daher die Verdachtsdiagnose Futtermittelunverträglichkeit gestellt.
Der Hund erhielt daraufhin eine auf Ente und Reis basierende
Diät. Mit diesem Futter waren die Läsionen nach zwei Wochen abgeheilt,
ein Rezidiv erfolgte die nächsten drei Monate nicht. Nach
drei Monaten fütterten die Besitzer für vier Tage Straußenfleisch,
was zu einem Rückfall führte. Nach Absetzen des Straußenfleisches
heilte das Ulkus deutlich schneller als früher ab. Eine weitere Provokation
mit Rindfleisch führte innerhalb von fünf Tagen zu einem
erneuten Ulkus. Weitere Provokationen erfolgten nicht. Der Hund
blieb daraufhin symptomfrei.
Einer früheren Studie zufolge sind ungefähr 1 % aller Dermatosen
und 10 % aller allergischen Erkrankungen in der Kleintierpraxis
durch Futtermittelunverträglichkeiten hervorgerufen. Neueren
Berichten zufolge ist sie mit 25 bis 30 % bei Hunden mit atopischer
Dermatitis noch häufiger. Die immunologischen Zusammenhänge
der Futtermittelunverträglichkeit sind bisher nicht vollständig geklärt.
Man nimmt an, dass sowohl Typ-I- als auch Typ-III- und Typ-
IV-Reaktionen für Allergien verantwortlich sind.
Nach einer kürzlich veröffentlichen Studie in der Schweiz bestehen
Rasseprädispositionen für Futtermittelunverträglichkeiten für den
West Highland Terrier, Boxer, Pudel und in geringerem Masse auch für
den Deutschen Schäferhund. Die Futtermittelallergie kann dabei unterschiedliche
Organsysteme wie die Haut, den Gastrointestinaltrakt oder
den Respirationstrakt betreffen. Das wichtigste dermatologische Symptom
ist der Juckreiz, vor allem an Pfoten, Achseln, in der Leistengegend
und um die Augen herum, wobei dieser in der Regel ganzjährig besteht.
Der Juckreiz kann aber auch saisonal auftreten, wenn er mit saisonalen
Allergien vergesellschaftet ist oder von besonderen Fütterungsgewohnheiten,
z.B. Grillwürstchen im Sommer, abhängig ist. In Einzelfällen wie
in diesem beschrieben Fall kann der Juckreiz auch fehlen.
Durch den Juckreiz und die dadurch nicht selten auftretenden Sekundärinfektionen
können eine Vielzahl von Primär- und Sekundäreffloreszenzen
verursacht werden, wie Papeln, Pusteln, Erytheme sowie
Lichenifikationen, Alopezien und Krusten. Aber auch einer rezidivierenden
Otitis, einer Pyodermie oder einer akralen Leckdermatitis kann
eine Futtermittelunverträglichkeit zugrunde liegen. Durch die hohe Variabilität
des klinischen Bildes ist die histopathologische Untersuchung
meistens nicht pathognomisch. In diesem Fall war sie aber wichtig, um
Differentialdiagnosen wie Pemphigus vulgaris oder Vaskulitis auszuschließen,
und führte zusammen mit der Anamnese zur Diagnose.
Die Diagnose der Futtermittelallergie wird durch eine Ausschlussdiät
mit anschließender Provokation gestellt. Bevorzugt wird hierbei
eine selbst gekochte Diät, bestehend aus einer Eiweiß- und einer Kohlenhydratquelle,
die der Hund bisher noch nicht gefressen hat. Die
häufigsten eine Symptomatik auslösenden Allergene für den Hund
sind Rind, Lamm, Ei, Huhn, Milch und Soja, diese sind in vielen Futtermitteln
vorhanden und sollten daher in der Regel gemieden werden.
Die Ausschlussdiät sollte über mindestens acht Wochen konsequent
und ausschließlich verfüttert werden. Nach dieser Zeit und einer Besserung
der Symptome sollte eine Provokation mit dem zuvor gefütterten
Futter erfolgen, was ein erneutes Auftreten der Hautläsionen
innerhalb einiger Stunden bis spätestens 14 Tagen zur Folge hat.
(Quelle: M. Täpper, A. Thelen, R. Müller (2009): Pfotenballengeschwüre aufgrund
einer Futtermittelunverträglichkeit, Kleintierpraxis 54, Heft 5, 274 - 277.)
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