Megaösophagus infolge eines ösophagealen Leiomyoms und Ösophagitis beim Hund
[01.01.2010]
Ösophagustumor: Ein Megaösophagus wird als diffuse Speiseröhrenerweiterung
mit herabgesetzter Peristaltik definiert.
Beim Hund wird zwischen dem seltenen kongenitalen und erworbenen
Megaösophagus differenziert. Beim erworbenen Megaösophagus
gilt es wiederum zwischen der idiopathischen und der sekundär
erworbenen Form zu unterscheiden. Pathophysiologisch wird eine
Läsion in der neuronalen Afferenz des für die ösophageale Distension
verantwortlichen Reflexbogens vermutet, da beide Speiseröhrensphinkter
funktionell intakt bleiben. Rasseprädispositionen für
einen erworbenen idiopathischen Megaösophagus bestehen für den
Golden Retriever und den Deutschen Schäferhund. Die häufigste
(26 %) ursächliche Erkrankung beim adulten Hund mit erworbenen
Megaösophagus ist Myasthenia gravis. Weitere neuromuskuläre Erkrankungen,
die mit einem Megaösophagus einhergehen können,
sind Myopathien, systemischer Lupus erythematodes, Dysautonomie
und Tetanus. Überdies können segmentale und diffuse ösophageale
Hypomotilitäten mit obstruierenden Fremdkörpern assoziiert
sein. Ein partieller Hypoadrenokortizismus ist ebenfalls vereinzelt
als auslösende Grunderkrankung beschrieben. Schließlich werden
in einigen Lehrbüchern der Kleintiermedizin differentialdiagnostisch
ösophageale Neoplasien tabellarisch mit aufgeführt.
Der vorliegende Fallbericht beschreibt einen 13 Jahre alten,
Golden Retrieverrüden, der an der Klinik für Kleintiermedizin der
Universität Zürich wegen dreimonatigen andauernden progressiven
Würgens und Erbrechens vorgestellt wurde. Bei der klinischen Untersuchung
fiel lediglich Halitosis auf, eine vollständige neurologische
Untersuchung war unauffällig. Die Röntgenaufnahmen des Thorax
zeigten einen mittelgradig dilatierten und gasgefüllten Ösophagus.
Das Herz, die Gefäße und das kraniale Mediastinum waren unauffällig,
das Lungenparenchym wurde dem Alter entsprechend als
normal befundet. Die Röntgenaufnahme des Abdomens wurde bis
auf Spondylosen an den ersten drei Lendenwirbelkörpern als unauffällig
befundet. Zu diesem Zeitpunkt wurde radiologisch die Diagnose
Megaösophagus gestellt. Eine ultrasonografische Untersuchung
des Abdomens war ebenfalls unauffällig. Zum Ausschluss einer
ursächlichen Myasthenie wurde die Bestimmung eines Acetylcholinrezeptor-
Antikörper (Ach-AK)-Titers eingeleitet, der sich als negativ
erwies. Der Hund wurde mit der Empfehlung mehrmals täglich
kleine Mengen klein gerollter Futterbällchen aus erhöhter vertikaler
Position zu füttern, entlassen. Zusätzlich wurde 90 mg Mestinon®
(Pyridostigmin) BID verordnet. Die Besitzer wurden zusätzlich über
mögliche Symptome einer Aspirationspneumonie aufgeklärt und instruiert,
täglich die Körpertemperatur zu kontrollieren. In den Tagen
nach der Entlassung verschlimmerte sich die Symptomatik des Patienten
und der Hund regurgitierte nach jeder Futteraufnahme. Da
kein Hinweis auf eine therapierbare Grunderkrankung bestand, entschieden
sich die Besitzer zur Euthanasie.
In der darauffolgenden Sektion erschien der Ösophagus leichtgradig
dilatiert und nahm zum distalen Ende an Durchmesser zu.
Im terminalen Ende des Ösophagus direkt vor der Cardia ventriculi
fand sich in der Tunica muscularis eine im Durchmesser ca. 1,5 cm
große, grau-weiße Masse von relativ derber Konsistenz. Histologisch
stellte dich die Masse als gut abgegrenzter, nicht bekapselter,
expansiv wachsender, dicht zellulärer Knoten bestehend aus ineinander
verwobenen Bündeln und Strängen von dicht gepackten
monomorphen, spindeligen Zellen und wenig fibrovaskulärem
Stroma dar. Multifokal zwischen diesen Tumorzellen befanden sich
wenige Lymphozyten sowie einige neutrophile Granulozyten. Das
histomorphologische Bild war typisch für ein Leiomyom sowie eine
geringgradige multifokale gemischtzellige Ösophagitis.
Ösophageale Tumoren sind sehr selten in der Kleintiermedizin
und stellen <0,5 % aller Neoplasien bei Hund und Katze dar. Ösophageale
Leiomyome werden meist bei älteren Hunden (> 8 Jahre)
diagnostiziert, Daten zu Rassedispositionen liegen nicht vor. Grundsätzlich
wird die Klinik einer Ösophagusneoplasie von Dysphagie,
Regurgitieren und/oder Vomitus bestimmt. Die Röntgenbefunde
können stark variieren und je nach Leiomyomgröße von unauffälligem
Thorax, intraösophagealer Dilatation mit Gasansammlungen
bis hin zu weichteildichten, intraluminalen Läsionen reichen. Eine
Kontrastuntersuchung des Ösophagus bestätigt in der Regel die Präsenz
einer intraluminalen Masse. Für die definitive Diagnose ist eine
Ösophagoskopie mit Biopsieentnahme notwendig.
Die wichtigste Differentialdiagnose fokale Myasthenia gravis
wurde im vorliegenden Fall serologisch ausgeschlossen. Der Ach-
AK-Titer gilt mit einer Sensitivität von 98 % als Goldstandard in
der Myastheniediagnostik. Anamnestisch konnte hier nicht sicher
zwischen Regurgitieren oder Erbrechen differenziert werden. Zum
einen kann dies am Unvermögen der Besitzer liegen, die Symptomatik
korrekt zu beschreiben, zum anderen können Futterkonsistenz
und eine zusätzlich bestehende Ösophagitis die Symptome
beeinflussen. Neben Regurgitation als Leitsymptom des Megaösophagus,
werden Speicheln, Halitosis und Vomitus beschrieben,
womit sich das klinische Bild nicht von der Symptomatik ösophagealer
Tumoren abhebt. Retrospektiv betrachtet, erscheinen
weitergehende Untersuchungen, wie Kontrastösophagogramm,
Fluoroskopie, oder eine Ösophagoskopie indiziert. Dies gilt umso
mehr, als erfolgreiche chirurgische Resektionen selbst bei größeren
ösophagealen Leiomyomen beschrieben sind und sich alle in der
Literatur beschriebenen Hunde vollständig erholten.
In der Literatur herrscht die grundsätzliche Übereinstimmung,
dass die Diagnose Megaösophagus auf dem röntgenologischen
Nachweis einer dilatierten Speiseröhre basiert. Die Frage, wann weitere
Diagnostik indiziert ist, muss im Einzelfall abgewogen werden
und hängt sicherlich von der Erfahrung des Klinikers ab. Ein diagnostisches
Röntgenbild lässt eine zusätzliche Kontraststudie aufgrund
des Aspirationsrisikos als kontraindiziert erscheinen und wird
nur bei unklarer Diagnose empfohlen, wobei zu bedenken gilt, dass
weichteildichte Strukturen von Futterbrei und Flüssigkeit im Ösophagus
überlagert sein können. Grundsätzlich werden zusätzliche
Untersuchungen nur bei sehr schwach ausgeprägter Dilatation empfohlen.
Dies basiert auf der langjährigen klinischen Beobachtung,
dass Hunde mit idiopathischen Megaösophagus generell einen stärker
dilatierten, aperistaltischen Ösophagus aufweisen.
Der vorliegende Fallbericht eines mit bildgebenden Verfahren diagnostizierten
Megaösophagus illustriert das diagnostische Dilemma,
ab welchem Zeitpunkt in der Aufarbeitung einer röntgenologisch
sichtbaren ösophagealen Dilatation zusätzliche Diagnostik gerechtfertigt
ist. Die radiologischen Hinweise auf eine ösophageale Masse
waren hier sehr dezent und wurden vermutlich aufgrund des geringen
klinischen Verdachts initial übersehen. Es ist anzunehmen,
dass ähnliche Befunde mit konventioneller Röntgentechnik ebenfalls
nicht ausreichend deutlich erscheinen. Da die Wahrscheinlichkeit,
endoskopisch oder mittels Kontraststudie eine ursächliche
Erkrankung bei einem Hund mit Verdacht aus idiopathischen Megaösophagus
zu finden gering ist, sollte die Frage weiterer Diagnostik
nur im Einzelfall unter Abwägung von Kosten, Nutzen und
Risiko zusammen mit dem Besitzer geklärt werden.
(Quelle: P. H. Kook (2009): Megaösophagus infolge eines ösophagealen Leiomyoms
und Ösophagitis beim Hund, Schweiz. Arch. Tierheilk., Band 151,
Heft 10, 497–501.)
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