Eine optimale Wundheilung braucht ein feuchtes Klima.
In der Behandlung akuter und sekundär heilender Wunden führt
ein feuchtes Wundmilieu zu einer schnelleren und narbenärmeren
Heilung. Bisse, Weideverletzungen, postoperative Betreuung: Die
Versorgung unterschiedlicher Wunden gehört sowohl in der Kleinals
auch in der Großtierpraxis zum tierärztlichen Alltag. Dabei setzt
sich die in der Humanmedizin bereits etablierte, feuchte Wundversorgung
zunehmend auch in der Veterinärmedizin durch. Bereits
1963 konnten Winter & Scales nachweisen, dass die Wundheilung
im feuchten Milieu deutlich rascher erfolgt als im trockenen (’twice
as rapid’). Durch die Entwicklung neuartiger Wundauflagen ist
eine routinemäßige Anwendung dieser modernen Methode in der
Praxis erst möglich.
Traditionelles Wundmanagement
Jede Wunde gilt als primär mit Keimen kolonisiert und es drohen
Infektionen bis hin zur Sepsis. Bei der traditionellen Wundversorgung
wird die Keimdichte durch Trockenhalten der Wunde
verringert, indem das Exsudat mit Verbänden und Kompressen
aufgefangen wird. Bei einem solchen trockenen Wundmanagement entwickelt sich ein Wundschorf, unter dem die Verhältnisse für
die Regeneration der Haut jedoch nicht optimal sind: Die für die
Heilung notwendigen Enzyme, Wachstumsfaktoren und Nährstoffe
trocknen im Wundschorf aus und fehlen für die optimale Wundheilung.
Der Schorf bildet eine Barriere, die das Einwandern der
Epithelzellen verlangsamt. Darüber hinaus verklebt er häufig mit
der Wundauflage und bei jedem Verbandwechsel wird die Wundfläche
erneut traumatisiert.
Modernes, feuchtes Wundmanagement
Bei der feuchten Wundheilung soll ein Austrocknen der Wundfläche
ebenso verhindert werden wie ein zu feuchtes Klima, das
zu einer Vermehrung von Bakterien und zu einer Mazeration des
umgebenden Gewebes führen würde. Ziel ist das Aufrechterhalten
eines idealfeuchten Milieus zur Unterstützung der körpereigenen
Abwehr gegen Mikroorganismen. Dies wird erreicht durch Aufbringen
geeigneter Materialien direkt auf die Wundfläche, die eine
Schutzschicht gegen Austrocknung bilden, dabei aber den Gasaustausch
gewährleisten. Das Aufrechterhalten eines feuchten Milieus
verhindert die Bildung von Schorf und gewährleistet die Diffusion
der Nährstoffe, Wachstumsfaktoren und Enzyme über die gesamte
Wundfläche. Die Epithelisierung wird erleichtert und die neu gebildete,
anfangs sehr empfindliche Haut wird geschützt. Die Verbandwechsel
können seltener durchgeführt werden, sie führen weniger
zu Retraumatisierungen und sind weniger schmerzhaft.
Eine Gegenüberstellung der trockenen gegen die moderne feuchte
Wundversorgung findet sich in Tabelle 1.
Tabelle 1: Gegenüberstellung trockene und feuchte Wundversorgung.
| Klassische, trockene Wundbehandlung |
Moderne, feuchte Wundbehandlung |
Prinzip:
– Verband nimmt das Exsudat auf,
die Wundfläche trocknet aus |
– Die Wundfläche wird feucht gehalten,
überschüssiges Exsudat wird
von Verbänden aufgenommen
– Keime und Wundbeläge werden
in die feuchte Wundauflage aufgenommen
und dort gebunden |
| => Die Schorfbildung wird gefördert. |
=> Die Schorfbildung wird verhindert.
Der Heilungsprozess wird unterstützt. |
Verbandwechsel:
Wundbeläge werden beim Verbandwechsel durch Spülen und mechanische
Reinigung entfernt
|
– Verkleben der Wundfläche mit dem
Verbandsmaterial häufig
– Schmerzhafte Verbandwechsel
– Häufige Verbandwechsel |
– Verkleben der Wundfläche mit dem
Verbandsmaterial selten
– Schmerzarme Verbandwechsel
– Seltenere Verbandwechsel |
| => Retraumatisierung beim Verbandswechsel |
=> Verbandwechsel ohne erneutes Trauma |
Die Heilung verläuft in Phasen
Im Heilungsprozess einer Wunde lassen sich einzelne Phasen abgrenzen,
die zeitlich überlappend ineinander greifen.
Reinigungsphase (inflammatorische oder exsudative
Phase)
Infolge einer Wunde wird durch die Verletzung von Gefäßen die
Gerinnungskaskade aktiviert. Entlang sich vernetzender Fibrinmoleküle
wandern Zellen ein, und Thrombozyten setzen verschiedene
Wachstumsfaktoren frei, durch die weitere Zellen angezogen werden.
Die so „angelockten“ Granulozyten bilden Sauerstoffradikale
und phagozytieren Mikroorganismen. Es beginnt ein endogenes
Debridement durch die Produktion hochpotenter Proteasen. Proinflammatorische
Zytokine stimulieren nachgeschaltete Mediatorsysteme
und Monozyten steuern nach zwei bis drei Tagen als
aktivierte Wundmakrophagen die Angiogenese und Fibroblastenproliferation.
Diese Vorgänge haben ihren Höhepunkt am ersten bis fünften
Tag, das klinische Bild ist geprägt vom Austritt von Blut und Lymphe,
die Wunde und ihre Umgebung zeigen Entzündungszeichen
(Schwellung, Rötung, Schmerz). Es entstehen Fibrinbeläge und bei
offener oder traditioneller Wundbehandlung beginnt durch Eintrocknen
die Schorfbildung.
Das moderne Wundmanagement beruht darauf, dass die in dieser
Phase im Vordergrund stehende Zellwanderung und Diffusion
von Mediatorsubstanzen eines feuchten Milieus für ihre optimale
Ausbreitung über die gesamte Wundfläche bedarf. Die Wundfläche
sollte daher gleichbleibend feucht gehalten werden. Bei stark
ausgeprägter Exsudation muss die weitere Wundabdeckung mit
saugfähigem Material erfolgen, das die durch das Exsudat ausgeschwemmten
Gewebereste, Blut und Bakterien aufnimmt und im
Verband bindet.
Granulationsphase (proliferative Phase)
Etwa ab dem zweiten Tag der Wundheilungsphase
kommt es zur Bildung eines zellreichen Granulationsgewebes,
das sich entlang einsprossender Kapillaren
im Wundgrund ausbreitet. In diesem Gewebe werden
alte Zellreste resorbiert und neue Zellverbände angelegt,
die eine extrazelluläre Matrix bilden. Dieses neue
Gewebe ist sehr empfindlich und leicht blutend, der
Wundgrund erscheint jetzt hellrot, feucht glänzend
und glasig-transparent. Die Exsudation ist in dieser, die
ersten zwei Wochen umfassenden, Phase des Wundheilungsverlaufes
nur noch gering.
Im Rahmen der Wundversorgung sollte dieses Gewebe nach wie
vor konstant feucht gehalten und vor Außeneinflüssen geschützt
werden, da das Granulationsgewebe sehr empfindlich ist.
Epithelisierungsphase (reparative- oder regenerative Phase)
Die von den Kapillaren ausgehenden Epithelzellen schließen sich
zu einem zartrosa erscheinenden Epithelrasen zusammen. Dieses
zellarme und zunächst matrixreiche Epithelgewebe zieht sich im
weiteren Verlauf zu einer Narbe zusammen. Bei der Wundversorgung
sollte daher das noch sehr empfindliche Gewebe weiterhin
mechanisch geschützt und eine Retraumatisierung bei den Verbandwechseln
dringend vermieden werden.
Moderne Wundauflagen
Aufgrund der positiven Erfahrungen mit der modernen Wundversorgung
chronischer Wunden in der Humanmedizin wurden in den
letzten Jahren neue Möglichkeiten
der feuchten Wundversorgung
entwickelt und den Erfordernissen
der Versorgung akuter Wunden
sowie denen der Veterinärmedizin
angepasst. Neben Polyurethan
(PU)-Schaumstoffwundauflagen
und PU-Folien, Alginaten und Hydrokolloiden
werden zunehmend
Hydrogele in der täglichen Praxis
im Rahmen der modernen Wundversorgung
eingesetzt.
Hydrogele haben aufgrund ihres
hohen Wassergehaltes einen ausgezeichneten rehydrierenden Effekt.
In Wunden mit geringer Exsudatmenge geben sie Feuchtigkeit
ab, in Wunden mit hoher Exsudatbildung können sie begrenzt
Feuchtigkeit aufnehmen. Ein optimales Feuchtigkeitsmilieu wird so
hergestellt. Die autolytische Wundreinigung wird gefördert, indem
Schorf, Fibrinbeläge und Bakterien in die Gelstruktur aufgenommen
und festgehalten werden.
Unter dem Namen octenivet ist nun ein Hydrogel für den Veterinärbereich
auf dem Markt verfügbar. octenivet wird zur Befeuchtung
und Reinigung akuter und chronischer Wunden eingesetzt. Es
bildet einen Schutzfilm auf der Wunde. Das Eindringen von Keimen
wird hierdurch verhindert und ein optimaler Schutz vor Infektionen
gewährleistet. Im Praxistest an Pferden und Kleintieren bestätigen
Tierärzte die gute Anwendbarkeit und Eignung von octenivet zur
Wundversorgung – eine schnelle und störungsfreie Wundheilung
wird beobachtet. Mehr zu octenivet unter www.schuelke.com
Literatur erhältlich beim Autor
Kontaktdaten
Dr. med. vet. Michael Braun
Schülke & Mayr GmbH
Clinical Research
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