Akute myelomonozytäre Leukämie bei einem Hund: Diagnostik und Verlauf der Chemotherapie
[02.03.2009]
Onkologie: Akute nicht-lymphoide Leukämien sind seltene
myeloproliferative Erkrankungen bei Hunden.
Sie umfassen verschiedene Suptypen, die von der French-American-
British group (Klassifikation zur Einteilung akuter Leukämien)
eingeteilt und fur Hunde und Katzen modifiziert wurden.
Subtypen, die bei Hunden und Katzen identifiziert wurden sind
akute MyeloblastenLeukämie (AML-M1), akute MyeloblastenLeukämie
mit Ausreifung (AML-M2), myelomonozytare Leukämie (AMLM4),
MonozytenLeukämie (AML-M5 a,b), sowie ErythroLeukämie
(AML-M6), MegakaryozytenLeukämie (AML-M7) und die akute
undifferenzierte Leukämie (AUL).
Die akute myelomonozytare Leukämie ist mit 25 % die am
meisten vorkommende nicht-lymphoide Leukämieform beim Menschen.
Beim Hund liegt die Inzidenz dieses Suptyps bei 1.5 %.
Die Erkrankung ist charakterisiert durch das Vorhandensein einer
gemischten Population sowohl von monozytischen als auch von
myeloiden Zelltypen. Per Definition machen dabei 30 % oder mehr
Myeloblasten und Monoblasten aller kernhaltigen Zellen aus und
differenzierte Granulozyten und Monozyten mehr als 20 % der
nicht-erythroiden Zellen. Es wird vermutet, dass diese gemischte
Proliferation auf die allgemeine, bipotenziale Vorläufer Stammzelle
der Granulozyten und Monozyten basiert.
Klinische Anzeichen der akuten myelomonozytäre Leukämie
sind Lethargie, Fieber, Gewichtsabnahme und gastrointestinale
Symptome. Zusatzlich wird häufig Lymphadenopathie und Hepato-
und Splenomegalie, die auf die Infiltration leukämischer Zellen
zuruckzuführen sind, diagnostiziert. Selten werden auch neurologische
Defizite sowie okulare Störungen wir Glaukome, Netzhautablösung,
Chorioretinitis und Konjunktivitis beobachtet.
Die Behandlung der myelomonozytären Leukämie wurde bisher
nur selten beschrieben. Aus diesem Grund widmet sich der vorliegende
Fallbericht der Beschreibung der klinischen Anzeichen, der
zytologischen und pathomorphologischen Befunde, der Therapie
und deren Ergebnis bei einem Hund, bei welchem eine akute myelomonozytäre
Leukämie diagnostiziert wurde.
Ein sechs Jahre alter, männlich kastrierter Pitbullmischling
wurde mit dem Vorbericht einer Apathie, rezidivierendem Fieber,
Diarrhoe und Körpermasseverlust in der Klinik fur Kleine Haustiere
der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover vorgestellt.
Die Allgemeinuntersuchung ergab vergrößerte periphere Lymphknoten.
Im abdominalen Ultraschall zeigte sich eine vergrößerte
Niere mit unregelmäßigem Rand, hypoechogenem Parenchym und
multiplen hypoechogenen Knötchen. Auch die Leber stellte sich
vergrößert dar mit einem diffusen hypoechogenem Parenchym.
In der Laboruntersuchung fand sich eine Erhöhung der Leukozytenzahl
auf 259,3 x 103/µl (Referenzbereich: 6.12 x 103/µl), eine
nicht-regenerative Anämie mit einem Hämatokrit von 34 % (Referenzbereich:
40.55 %) und eine Thrombozytopenie mit 44 000/µl
(Referenzbereich 150 000 bis 500 000/µl). Eine zytologische Untersuchung
von Blutausstrich, Knochenmarks-, Lymphknoten- sowie
Leber- und Milzaspiraten ergab die Diagnose akute myelomonozytäre
Leukämie. Diese Diagnose wurde in der histopathologischen
Untersuchung einer Lymphknotenbiopsie bestätigt.
Trotz der schlechten Prognose entschied sich der Besitzer für
eine chemotherapeutische Behandlung. Ein auf Doxorubicin basierendes
Kombinationschemotherapeutisches Protokoll wurde fur die
Behandlung gewählt. Zwei Tage nach der Einlieferung wurde die
Behandlung mit L-Asparaginase und Vincristin eingeleitet. Nachdem
sich das Allgemeinbefinden deutlich gebessert hatte, konnte
der Patient mit Amoxicillin oral und Prednisolon entlassen werden.
Eine Woche spater wurde der Hund zur zweiten Chemobehandlung
wieder vorgestellt. Das Allgemeinbefinden war zu diesem
Zeitpunkt gut und die Leukozytenzahl hatte sich wieder normalisiert
(7,6 x 103/µl). Nach Therapieprotokoll wurde Cyclophosphamid
verabreicht und der Hund wiederum nach Hause entlassen. In
der zweiten Woche nach Einleitung der Chemotherapie hatte sich
der Hamatokrit beinahe normalisiert (37 %) und die Plättchenzahl
lag wieder im normalen Bereich (401 000/µl). In der vierten Woche
nach Einleitung der Chemotherapie befand sich der Hund in
kompletter Remission.
75 Tage nach Beginn der Therapie wurde der Hund mit einem
Leukämie Ruckfall wieder vorgestellt. Trotz nochmaliger Einleitung
der Chemotherapie mit L-Asparaginase und Vincristin zeigte das
Tier ein progressives Fortschreiten der Erkrankung. Ein Rettungsprotokoll
mit Actinomycin (0,5 mg/m2 i.v.), Vincristin (0,7 mg/m2
i. v.), Procarbacin (50 mg/m2 p. o.) und Prednisolon führte erneut
zu einer Teilremission, die 31 Tage anhielt und wahrend dessen das
Tier ein gutes Allgemeinbefinden zeigte. Eine drauffolgende wiederkehrende
Progression wurde an zwei aufeinanderfolgenden Tagen
mit Cytosin Arabinoside (100 mg/m2 s. c.) behandelt, was den
Zustand des Patienten fur weitere zwei Wochen stabilisierte. Danach
wurde die Leukämie erneut progressiver und der Zustand des
Patienten verschlechterte sich dramatisch. Der Besitzer entschied
sich daher fur die Euthanasie. Die Überlebenszeit des Hundes betrug
von der Diagnosestellung bis zur Euthanasie trotz des progressiven
Fortschreitens der Erkrankung insgesamt 140 Tage.
Die Prognose einer akuten myelomonozytäre Leukämie beim
Hund ist gering bis schlecht. Aus diesem Grund ist eine Behandlung
bisher nur selten beschrieben worden. In der Literatur schwankt
die Überlebenszeit bei versuchter Behandlung der akuten myelomonozytäre
Leukämie zwischen einem Tag und sechs Wochen.
Nach bestem Wissen des Autors des hier vorliegenden Fallberichts
sind die 140 Tage Überlebenszeit des hier beschriebenen Falles die
langste Überlebensrate eines Hundes mit akuter myelomonozytäre
Leukämie, welcher mit Chemotherapie behandelt wurde.
Die Anwendung von Cytosin Arabinoside in der Behandlung
von nicht-lympoiden Leukämien hat sich in der Humanmedizin als
bedeutend gezeigt und wurde daher bisher auch bei Patienten der
Veterinarmedizin verwendet. Auf Grund der unbefriedigenden Behandlungserfolge
die in der Literatur beschrieben sind, entschied
man sich in diesem Fall fur eine aggressivere Behandlung mit einem
wochentlichen auf Doxorubicin basierenden Kombinationsprotokoll.
Die Anwendung von Cytosin Arabinoside im späteren Verlauf
dieses Falles führte zu keiner Tumor Antwort. Möglicherweise hat
jedoch das fortgeschrittene Stadium und eine gewisse Tumor Resistenzenwicklung
zu dieser unbefriedigenden Antwort geführt.
Obwohl die Anwendung des hier beschriebenen chemotherapeutischen
Protokolls zu einer kurzfristigen kompletten Remission
und zu einer verlangerten Lebenszeit von 140 Tagen führte, bleibt
die Behandlung dieser Erkrankung unbefriedigend. Daher müssen
weitere Studien angestrebt werden, um bei akuter myelomonozytärer
Leukämie die Effizienz einer Chemotherapie bei Hunden zu
verbessern.
(Quelle: D. Simon et al. (2008): Acute myelomonocytic leukaemia in a dog:
diagnosis and response to combination chemotherapy; a case report
and review of the literature. Wien. Tierarztl. Mschr. 95, 91-96.)